Unser Nürnberg: Wie ein Buch entsteht

21. Juni 2011 | Von | Kategorie: Franken blog

Ich habe den Auftrag, einen Bildband über meine Stadt zu machen. Der Titel ist sinnig: „Unser Nürnberg“. Das Buch ist Teil einer Reihe über alle größeren Städte in Deutschland. Als Verlag zeichnet der Bucher Verlag verantwortlich.

Das Konzept ist einfach: Man nehme alte Ansichten der Stadt und fotografiere sie vom gleichen Aufnahmeort, in der gleichen Perspektive nach.

Als erstes gebe ich eine Mail an meine Freunde: Habt Ihr alte Postkarten von Nürnberg? Ich arbeite da an einem Projekt… Könnt Ihr mir diese zur Verfügung stellen?
Die Ausbeute ist gering. Es gibt anscheinend gar nicht so viel Menschen, die alte Postkarten sammeln. Glücklicherweise finde ich in meinem eigenen Fundus diverse Postkarten. Ich sammle nämlich vieles, meine Frau meint, ich sammle viel zu viel.
In diesem Fall besitze aber auch ich nicht genügend Ansichten der Stadt. Nun gehe ich auf Recherche. Wo kann ich alte Postkarten ersehen? In einem Auktionshaus ersteigere ich einen Karton voller Postkarten. Es gibt ein paar Antiquitätenläden in Nürnberg, in denen ich fündig werde. Und dann natürlich auf dem Trempelmarkt. Schließlich erstehe ich noch einige Karten in Online-Shops. Diese kommen mich aber recht teuer.

Diese Postkarten decken vielleicht 100 Jahre von 1850 bis 1950 ab. Ich kenne die Ansichten alle. Schließlich bin ich gebürtiger Nürnberger und mir gefällt meine Stadt. Ich durchstreife sie häufig und fotografiere. Mein eigener Fotofundus über die Stadt ist gewaltig. Aber von diesem Bildmaterial kann ich nichts verwenden, weil sie eben den Regeln des Buches nicht entsprechen: genauso wie die Postkarten-Vorlage, gleicher Aufnahmeort, gleiche Perspektive.

Nun folgen viele Streifzüge durch die Stadt. Es ist nicht immer einfach, genau den Standort eines Bildes zu bestimmen. Aber mit einiger Überlegung gelingt es. Ich entdecke Nürnberg neu, auf den Pfaden unbekannter Fotografen, die ein Menschenleben vor mir dieses Nürnberg fotografiert haben. Ich lerne meine Stadt aus ihren Blickwinkeln kennen. Als erstes fällt mir auf, dass es früher in der Stadt kein Grün, kaum Bäume gegeben hat. Das ist für meine Bildgestaltung durchaus ein Problem, denn die Bäume verbergen manche Bauwerke und verstellen die Sicht auf den Kern der alten Fotos. Ich habe ein ganzes Jahr Zeit für die Aufnahmen, so kann ich manche Fotos im Herbst und Winter machen, wenn die Bäume ohne Laub sind. Ich stelle fest, dass diese Bäume das Nürnberg von heute lockerer machen. Schwierigkeiten habe ich an den Ufern der Pegnitz. Die alten Ansichten sind heute kaum mehr wiederzuerkennen. Die einstige Idylle ist an manchen Orten fantasielosen Wohnblocks gewichen. Andere Ansichten, insbesondere im Burgbereich, sind fast noch identisch. Und ich denke, dass die Stadtväter Großes geleistet haben, die Stadt wieder so aufzubauen, wie sie einmal vor dem Krieg war. So ist Nürnberg ein Schatzkästchen geblieben. Ich habe in meinem Fundus viele Postkarten von der Hochwasserkatastrophe von 1909 gefunden. Wenn ich heute nun die „trockenen“ Sichten fotografiere, kann ich erst erkennen, wie einschneidend für die Nürnberger Bürger diese Wasserflut gewesen sein muss. Die Fotografen von einst waren Profis. Sie achteten immer auf den „erhöhten Standpunkt“. So habe auch ich danach gesucht. Nicht immer ist mir das geglückt. Ich habe bei Bewohnern geklingelt, um von ihrem Wohnzimmer aus fotografieren zu dürfen. Ich habe bei der Stadt hinterfragt, wer für die Mauertürme zuständig ist und von den Zinnen herab fotografiert. Ich habe die Türme der Burg bestiegen. Darüber hinaus habe ich Ecken gesehen und kennengelernt, die ich noch gar nicht kannte.
Mein Urteil: Wir leben in einer wunderbaren Stadt und es macht Spaß, sich in dieser Stadt zu bewegen, sie zu genießen. Ich finde, das Buch ist schön geworden, ist ein treffliches Portrait der Stadt. Ich habe das Buch in den Händen und denke mir, eigentlich könnte es ein Botschafter der Stadt sein. Gedacht auch für die Menschen, die die Stadt noch nicht kennen, die Handel mit den Unternehmen der Stadt treiben wollen, also für Tourismus und Wirtschaft gleichermaßen.
Was ich anders machen würde: Ich finde die Idee von alt zu neu sehr gut. Aber die Bilder der Gegenüberstellung repräsentieren nicht die Gesamtsicht eines Ortes. Der alten Ansicht sollte man nicht nur die gleiche moderne Ansicht gegenüber stellen, sondern auch noch andere Teilsichten zufügen. Manchmal hat es mir leid getan, die Kamera nicht anders halten zu können, denn gleich daneben finden sich viele Schönheiten, die ich gar nicht berücksichtigen konnte. Schade.

Das Buch: „Unser Nürnberg“ Eine kleine Zeitreise, erschienen im Bucher Verlag, geschrieben und fotografiert von Werner Schwanfelder. ISBN: 978-3-7658-1818-9
Darüber hinaus habe ich auch noch geschrieben und fotografiert „Stille Wege rund um Nürnberg“ und „Weinwandern in Franken“, beide erschienen im Berg-Verlag.
siehe auch hier.

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