make or buy Praxisfall: Selber Strom produzieren

10. Juli 2009 | Von | Kategorie: Profi-Einkäufer blog

Selber Strom produzieren

Harald F., Einkäufer für elektrische Antriebe und Heinz S. Einkäufer für technische Messgeräte debatieren über die Eigenproduktion von Strom. Sie haben selbst keine Praxiserfahrung. Aber sie diskutieren sehr engagiert darüber. Sie meinen, dies ist ein wirklich interessantes Make-or-buy-Thema. Aber man muss sich damit natürlich ausführlich informieren. Diese Entscheidung kann man nicht so einfach treffen.

Harald F. berichtet von einem Onkel, der für sich schon vor 50 Jahren diese Entscheidung getroffen hat. Er hat sich schon damals über die gesalzenen Stromrechnungen geärgert. Daher dachte er darüber nach, warum den Strom nicht selbst erzeugen und den Überschuss auch gleich an die Nachbarn verkaufen. Deshalb hat er schon vor 50 Jahren die Entscheidung getroffen: Er hat sich ein Kondensationskraftwerk gekauft, allerdings damals verhältnismäßig teuer. Und er hat nun ein kleines Braunkohlekraftwerk mit einer Leistung von 99 MW im Vorgarten stehen. Seine Frau war aus optischen Gründen nicht sonderlich begeistert. Die Anlage ist Baujahr 1959 hat bereits 245580 Betriebsstunden abgeleistet. Dafür ist er aber seit langem unabhängig vom lokalen Stromanbieter.

Harald F. ist sich nicht darüber im Klaren, ob ein Braunkohlekraftwerk die richtige Lösung ist. Aber es gibt ja heute auch noch viele andere Alternativen. Kostengünstig ist eine Kleinwindanlage, die genauso umweltfreundlich ist wie Solaranlagen, aber bei weitem nicht so teuer. Einziges Manko, wenn man den nicht benötigten Strom verkaufen will bekommt man leider nicht viel Geld dafür.

Heinz S. hat zu dem Thema eine andere Meinung. Er fragt sich, was der Preis für einen Quadratmeter Solarzelle ausmacht. Er geht, so rechnet er vor, von einer Lebensdauer von 15 Jahren aus und einer Produktionsmenge von 100 W/qm je nach Standort an bestenfalls 1500 Stunden pro Jahr. Er meint, mehr Sonnen-Zeit sei in Deutschland nicht nutzbar. Damit rechnet sich die Sache nicht. Es ist in unseren Breiten unsinnig, mit ca. 15% Wirkungsgrad elektrischen Strom aus der Sonne wirtschaftlich produzieren zu wollen. Bei 80% Wirkungsgrad für reine Wärmegewinnung und deutlich billigeren Wandlern für die Wärmeerzeugung kann sich eine Solaranlage (nur für Wärme, nicht für elektrischen Strom!) rechnen, wenn man nicht für jeden Handschlag und jede Wartung auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die derzeitigen Energiepreise sind zu niedrig, um solchen Anlagen eine wirtschaftlich sinnvolle Perspektive zu geben.
Das Gleiche gilt auch für alle Arten von Wärmepumpen. Rund 30% der Energieausbeute ist für elektrische Energie aufzuwenden. Zusammen mit der hohen Investition ist er von einer Wirtschaftlichkeit nicht überzeugt.
An geeigneten Standorten lässt sich Windenergie wirtschaftlich sinnvoll nutzen und ins öffentliche Netz einspeisen. Ebenso Wasserkraft. Landwirtschaftliche Betriebe können aus Biomasse profitabel Energie erzeugen. Heizen kann man insbesondere in waldreichen Gegenden mit Holzhackschnitzeln und erzielt dabei deutlich niedrigere laufende Kosten als bei der Heizung mit Öl oder Gas. Das gilt aber auch nicht unter allen Umständen. Wer Hackschnitzel sachweise kauft oder über längere Strecken transportieren muss, vernichtet die Kostenvorteile.
Es hilft nichts, auch beim Einsatz ökologisch sinnvoller Alternativen ist mit der Verzinsung des eingesetzten Kapitals und mit realistischen Betriebszeiten zu rechnen. Die Anlagenkosten können sich in sechsstelliger Größenordnung bewegen.

Harald F. berichtet noch von einem anderen Praxisfall. In seiner Gemeinde wurde im Rathaus ein Blockheizkraftwerk installiert. Der Bürgermeister ist sehr zufrieden.
Angeblich interessieren sich bundesweit immer mehr Menschen für ein eigenes Blockheizkraftwerk (BHKW). Es kann statt einer Heizung – oder meist in Ergänzung zum alten Heizkessel – im Keller oder einem Anbau untergebracht werden. Der Motor treibt dabei einen Generator an, der Strom produziert. Und wie bei jeder Verbrennungsmaschine fällt Wärme an, mit der sich das Haus heizen und Wasser wärmen lässt.
Die Idee ist keineswegs neu. Allerdings führt die steigende Nachfrage jetzt dazu, dass mittlerweile mehrere Hersteller solche Anlagen in Serienproduktion anbieten. Harald F. berichtet, dass der Motor im Rathaus mit Heizöl läuft. Die Anlage hat eine Leistung von rund fünf Kilowatt pro Stunde. Um rentabel zu sein, muss sie auf mindestens 4000 Betriebsstunden im Jahr kommen – das sind dann etwa 20.000 Kilowattstunden. Wenn weniger als 15.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbraucht werden, ist die Wirtschaftlichkeit fraglich.
Das bedeutet, dass man sich am besten Nachbarn sucht, die mitmachen. Eine Nutzung über Grundstücksgrenzen hinweg ist möglich. Schwierig wird es dagegen, wenn öffentliche Straßen dazwischen liegen. Wirtschaftlich sinnvoll ist es, den selbst produzierten Strom so weit wie möglich auch selbst zu nutzen. Denn die Energieversorgungsunternehmen zahlen nur um die zwölf Cent pro Kilowattstunde. Der Bürgermeister rechnet bei seinem Gerät – je nach Ölpreis – mit sieben bis acht Cent Entstehungskosten pro Kilowattstunde. Kauft man Strom beim Energieversorger, muss man dagegen mehr als 20 Cent berappen. Im Sommer, wenn man keine Heizung braucht, wäre ein Nutzer willkommen, der viel warmes Wasser abnimmt, vielleicht ein Gastronomiebetrieb. Den gibt es allerdings in akzeptabler Reichweite nicht.
Billig ist so eine Anlage nicht gerade: Das Gerät im Rathaus kostet rund 16.000 €, hinzu kommen Wärmetauscher, Speicher, Pumpen, Leitungen und die Regeltechnik, also noch einmal einige tausend Euro. Weiterhin ist unbedingt ein Wartungsvertragerforderlich.

Expertenurteil
Die Entscheidung „Strom selbst produzieren oder kaufen“ ist zweifelsohne ein gutes Beispiel für eine strategische make or buy Entscheidung. Darüber hinaus kann sie sogar zu einem unternehmerischen Geschäftsmodell werden, da der überflüssige Strom auch noch verkauft werden kann. Je mehr zu günstigen Konditionen ins Stromnetz eingespeist werden kann, desto leichter amortisiert sich natürlich auch die Anlage.
Die strategische make or buy Überlegung muss daher auch zweistufig gestellt werden. Zunächst wird im Rahmen der engeren make or buy Entscheidung nur untersucht, wie sinnvoll der eigene Bedarf gedeckt werden kann. Dann kann additiv über das Geschäftsmodell nachgedacht werden. Wie verändert sich dann die Größe der Anlage, wie verändert sich die Wirtschaftlichkeit?
Wichtig ist zunächst die technische Entscheidung, welche Art von Technologie eingesetzt werden soll. Nicht jeder wird den Platz für ein Kleinwindkraftwerk haben. Nicht jeder hat die Fläche für eine Solaranlage. Es sind also zunächst die baulichen und flächenmäßigen Gegebenheiten zu untersuchen. Dann ist auch zu überprüfen, ob entsprechende Baugenehmigungen beigebracht werden können.
Nach dieser Selektion wird wohl eine geringere Auswahl an Möglichkeiten bestehen bleiben. Nun kann man sich an die Investitionsrechnung machen. Den eigenen Stromverbrauch kann man relativ leicht aus den Rechnungen des Energieversorgungsunternehmens entnehmen. Die Kosten, die mit der Alternativanlage verbunden sind dürften schwieriger darzustellen sein. Aber Anbieter, Energieberater und Architekten können hier sicherlich Hilfestellung leisten. Zu beachten ist natürlich auch die Finanzierung, bzw. die Verzinsung. Unabhängig, ob man einen Kredit aufnehmen muss oder aus Eigenmitteln investiert muss eine adäquate Verzinsung des eingesetzten Kapitals eingesetzt werden. Ausschlaggebend ist auch die steuerliche Konzeption. Diesbezüglich sind die Gesamteinnahmen des Haushalts einzubeziehen.
Im Einnahmen/Ausgaben-Vergleich ist natürlich auch die Veränderung der Strompreise zu berücksichtigen, bzw. sich Klarheit über eine Entwicklung in die Zukunft zu verschaffen.
Eine solche make or buy Entscheidung ist langfristig angelegt. Sie ergibt zwar keine absolute Abhängigkeit. Selbst wenn die Anlage nicht funktionieren würde, wird man nach wie vor mit Strom versorgt. Aber dennoch besteht aufgrund der Höhe der Investition eine gewisse langfristige Abhängigkeit.
Auf jeden Fall überpüfenswert. Die Entscheidungsfindung ist jedoch komplex. Der Rat und die Unterstützung von Fachleuten sind notwendig.

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