make or buy Praxisfall: Obazda

10. Juli 2009 | Von | Kategorie: Profi-Einkäufer blog

Obazda – make oder buy

Friedlinde S. Ist der Auffassung, dass sie zum Thema make or buy ein gutes Beispiel liefern kann. Sie ist in einem mittelständischen Unternehmen zuständig für den Einkauf von Kleinteilen wie Schrauben, Muttern, aber auch Glühbirnen und Keile, um nur ein paar Produkte aus ihrem Aufgabengebiet zu erwähnen.

Sie sagt, dass sie Spezialistin ist für die „Produktion“ von Obazda. Auf jeder Party wird sie beauftragt, Obazda mitzubringen. Keine der anderen Gäste kann ihn so gut gestalten wie sie.
Auf der einen Seite ehrt sie diese Aussage, auf der anderen Seite ist sie aber auch etwas überdrüssig, immer Obazda für alle machen zu müssen. Sie hat deshalb in verschiedenen Läden nach fertigem Obazda gesucht und ausprobiert. Und sie in der Tat fündig geworden. Es gibt einen Türken, der den Obazda so herstellt wie sie auch. Er schmeckt sehr, sehr ähnlich.
Wobei es natürlich eine Schande ist, wenn man diese bajuwarische Spezialität von einem Türken kaufen muss.

Aber als gewissenhafte Einkäuferin hat sich Friedlinde S nun überlegt, ob sie den Obazda käuflich erwerben soll oder ob sie ihn selbst zusammenknetet. Sie geht davon aus, dass ihre Gäste und Freunde in diesem speziellen Fall den Unterschied nicht bemerken.

Ihr Rezept ist folgendermaßen:
150 g reifen Camembert
150 g Weinkäse
300 g Frischkäse
400 g Paprikaschmelzkäse (auch bekannt als Eckerlkäse)
Dazu ein Bund Schnittlauch, fein gehackt
Zwei Stück Zwiebeln, fein gehackt
Vier Esslöffel Bier
(Ob der Türke auch Bier verwendet, hat er leider nicht verraten)
Paprikapulver rosenscharf
Etwas Chilipulver
Salz und Pfeffer
Und zur Verzierung einige Salzstangen
Die Zwiebeln werden fein gehackt und der Schnittlauch in 5 mm große Röllchen geschnitten. Der Camembert und der Weinkäse werden mit einer Gabel zerdrückt und mit dem Schmelzkäse und dem Frischkäse gut vermischt. Etwas Schnittlauche beiseite nehmen, um ihn am Schluss für die Garnierung zu verwenden. Den sonstigen Schnittlauch und die Zwiebel in die Käsemischung einarbeiten. Dann mit Salz, Pfeffer, Chili, Paprikapulver und Bier abschmecken.

Sie benötigt für die Herstellung ca. 20 Minuten. Dann muss der Obazda noch einen Tag im Kühlschrank ruhen. 20 Minuten erscheinen relativ lang, aber dazu gehören auch die Rüstzeiten, also das Herrichten der Gefäße und das Abwaschen, Aufräumen. Für das Einkaufen der Zutaten hat sie nichts eingerechnet, denn der Zeitaufwand ist in beiden Fällen ungefähr gleich.
Je mehr Obazda sie in einem Arbeitsgang erledigt, desto geringer ist aber die Gesamtzeit. Sie hat das genau berechnet. Für ein Kilo Obazda benötigt sie 20 Minuten, für zwei Kilo 30 Minuten, für 3 Kilo 37,5 Minuten, für vier Kilo 40 Minuten. Sie geht davon aus, dass sie niemals mehr als vier Kilo in einem Arbeitsgang herstellen wird.
Und nun zu den Kosten. Sie hat kalkuliert, dass sie für alle Materialien, die sie einsetzt für ein Kilo 11,10 € an Kosten hat. Wenn sie den Obazda fertig einkauft muss sie für das Kilo 13,92 € bezahlen. Sie hat mit dem Türken verhandelt. Er hat gesagt, wenn sie vier Kilo und mehr beziehen möchte gibt er noch einmal 10% Rabatt.
Nun muss Friedlinde S. nur noch entscheiden, wie sie ihre Arbeitszeit bewerten will. Sie orientiert sich am Stundenlohn der Briefträger. Für die gibt es einen Mindestlohn von 9 € in der Stunde.

Nun kommt sie zu der folgenden Entscheidungstabelle

 

 

Menge in Kg

Benötigte Zeit für make in Minuten Umgerechnet in € (9 € je Stunde) Materialkosten in Summe in € Gesamtkosten in € für make Gesamtkosten in € für buy
1 20 3,00 11,10 14,10 13,92
2 30 4,50 22,20 26,70 27,84
3 37,5 5,63 33,30 38,93 37,58

mit 10% Rabatt

4 40 6,00 44,40 50,40 50,11

mit 10% Rabatt

5 40 6,00 55,50 61,50 62,64

mit 10% Rabatt

Mit dieser Tabelle ist die Entscheidungssituation für Friedlinde S. klar. Wenn sie zwei Kilo benötigt macht sie den Obazda selbst und ebenso wenn sie fünf Kilo und mehr benötigt ist die make-Variante kostengünstiger.
Wenn sie jedoch nur ein Kilo oder weniger benötigt geht sie zum Türken, und aufgrund ihrer guten Verhandlung rentiert es sich auch wieder wenn sie drei und vier Kilo benötigt. Wenn sie eine Zwischenmenge benötigt muss sie schnell noch einmal nachrechnen.

Sie denkt weiterhin darüber nach, ob sie ihre Teigknetmaschine einsetzen kann, im niedrigsten Gang. Dann würde sie bei der Herstellung noch mehr Zeit gewinnen. Sie wird es ausprobieren und dann die Entscheidungstabelle neu überarbeiten.

Expertenurteil
Friedlinde S. hat vollkommen richtig gerechnet. Die Entscheidungsableitung war vorbildlich. Letztendlich sollte man aber auch noch einen gewissen Trägheitskoeffizienten einfügen. Er besagt, wie groß der Kostenvorteil von make sein muss, damit man die Bereitschaft zeigt, die Variante make in Angriff zu nehmen.
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