Little Black Book vom Picknick

6. Juni 2012 | Von | Kategorie: verfügbare Bücher

Die Picknickmanie

Die Sonne ist schuld. Sie ist vermutlich verantwortlich, dass uns die Picknick-Gelüste überfallen. Das ist schlimmer als Sex. Letzteres ist in Minuten überwunden, das Picknick dauert häufig Stunden.

Es wird unzweifelhaft Sommer. Die Tagestemperatur steigt über 15 Grad, die Sonne verdrängt immer mehr die Wolken. Die Menschen auf den Straßen sind in der Tat eine Spur freundlicher und der eine oder andere lächelt sogar. In den Vororten stehen die Menschen in ihren Vorgärten und begießen mit Ausdauer Blumen und Büsche. Und selbst in den Städten prüfen die Mietshausbewohner mit wohlwollendem Blick die Geranien auf dem Balkon. Ich selbst mag keine Geranien, aber sie symbolisieren für mich, mehr als eine andere Blume, den Sommer. Das liegt natürlich an meiner Kindheit. Schon meine Mutter pflanzte mit viel Enthusiasmus Geranien und meine Frau ist diesbezüglich nicht weniger emsig.
Ja, auch an meiner Frau bemerke ich Sommerliches. Sie summt ab und zu ein Lied vor sich hin, wenn sie durch unser Haus streift. Sie hört nicht einmal auf zu summen, wenn sie zärtlich das eine oder andere Unkraut aus unserem Garten entfernt.
Da ich mit meiner Frau schon viele Jahre verheiratet bin und natürlich mit ihr vertrauensvoll zusammenlebe, ahne ich, was mich so in den nächsten Tagen ereilen wird. Irgendwann wird meine Frau aufhören zu summen. Stattdessen wird sie mich anstrahlen mit ihrem schönsten Lächeln und sagen: „Werner, ich hätte Lust auf ein Picknick.“ Ich schlucke dann etwas nervös und nicke zustimmend. Darüber hinaus gebe ich vorsichtshalber keinen Kommentar ab und widme mich noch intensiver als sonst meiner Zeitung in der Hoffnung, dass dieser Kelch an mir vorbeigehen wird.
Aber ich weiß natürlich auch, dass ich in der Realität des Lebens keine Chancen habe. Der Sommer ist nun da und es beginnt unweigerlich die Picknickzeit. Diese Phase muss so etwas sein, wie die Brunft bei Tieren. Denn nicht nur meine Frau hat diese Idee, auch alle möglichen Nachbarn, Freunde, sogar honorige Geschäftskollegen.
Nun gibt es für uns eigentlich keinen einzigen Grund, dass wir uns einem Picknick hingeben müssten. Wir haben einen wunderbaren Garten und äußerst bequeme Gartenmöbel. Wir könnten eigentlich einfach im Garten frühstücken, Mittag essen, Abend essen, ein Bier trinken, den Nachmittagskaffee genießen, einen Cognac schlürfen. Aber darum geht es anscheinend nicht. Picknick steht auf dem Programm. Darunter versteht meine Frau, dass wir alles, was man zum Essen und Trinken benötigt, einpacken und irgendwo hin fahren. Es sollte eine Wiese sein. (Kommentar: Wir haben in unserem Garten einen wunderschönen, bestens gemähten, weichen Rasen.) Absolut ideal wäre es, wenn man auch dem Auge etwas bieten könnte, also einen See, einen hohen Berg, das Meer, ein tief eingeschnittenes Tal. All dieses haben wir in unserer Region nicht, daher schauen wir meistens auf ein paar Bäume. (Kommentar: Wir haben in unserem Garten Fichten, Tannen, Kiefern in jeder Größe. Ich könnte mir diese Bäume durchaus ausdauernd ansehen.)
Ich denke mir, wie schön könnte doch ein Sommer sein, wenn man keinen Picknickstress hätte. Ich gebe mich der Illusion hin, dass meine Frau, die Picknick-Aufforderung vergessen hat, aber als das Wochenende naht, wiederholt sie ihren Wunsch. „Werner, ich würde mich freuen, wenn wir am Wochenende picknicken würden. Ich habe schon mit Claudia gesprochen. Sie kommen auch mit.“ Claudia ist die Busenfreundin meiner Frau und mit Ernst verheiratet. Beide sind begnadete Picknicker. Sie sind schon richtige Experten und berichten begeistert von allen möglichen Picknick-Erfahrungen. Ich, für meinen Teil, kann mich allerdings an kein gemeinsames Picknick erinnern, das so richtig erfolgreich verlaufen wäre.
Aber da stehen wir schon vor der Gretchenfrage: Was ist ein erfolgreiches Picknick? Die Ansprüche sind unterschiedlich. Ich bräuchte keinen Picknick-Stress. Ich wäre mit einem belegten Brot am Gartentisch auf meinem Rasen durchaus zufrieden.
Aber das Schicksal hat bereits gesprochen. Der Termin steht fest: Sonntag um 11.00 Uhr. Diese Freundespicknicks finden bei uns meistens zur Mittagszeit statt. Ich weiß zwar nicht warum, aber so ist es eben. Am Sonntagmorgen ziehen dunkle Wolken auf. Irgendwie finde ich auch, ist die Temperatur unter 15 Grad gefallen, aber meine Frau behauptet, dass ich mir das nur einbilde. Ich weiß nun aus Erfahrung, dass der Kelch an mir nicht vorbeigehen wird. Also füge ich mich. Ich suche im Haus zusammen, was man so alles für ein entspanntes Picknick benötigt. Ich hole eine alte Decke. Ich suche die zwei Weltmeister-Fußball-Klapp-Sessel im Keller und finde sie in einer Ecke, wo sie seit dem letzten Picknick im letzten Jahr gut lagern. Ich entferne die Spinnennetze. In der Diele türmen sich mittlerweile die praktischen Klappkisten, gefüllt mit Geschirr, Lebensmittel und alles, was man eben so braucht. Meine Frau summt wieder vor sich hin. Sie ist gut gelaunt. Ich habe es immer gerne, wenn meine Frau gut gelaunt ist, daher verbiete ich mir alle mir auf der Zunge liegenden Kommentare. Ich schleppe alles, was sich in der Diele befindet ins Auto. Glücklicherweise handelt es sich bei diesem Picknick um eine einfache und simple Picknickform. Wir fahren mit dem Auto zum Picknickplatz. Er ist nur etwa zehn Kilometer entfernt. Es ist eine Wiese mit Maulwurfhügel, Blick auf eine Baumgruppe. Zu erreichen ist sie über einen Waldweg. Claudia und Ernst sind schon angekommen. Sie haben ihre Decke ausgebreitet und schleppen diverse Klappkisten heran. Wir tun es ihnen gleich.
Nun wird das Essen aus den unzähligen Tupperdosen umgeladen in Glasschüsseln. (Was um alles würden wir ohne diese Tupperdosen machen?) Ich finde das Essen schmeckt zwar immer etwas nach Plastik, aber es überlebt jeden Transport bestens.
Wir stellen dann fest, dass wir den Korkenzieher vergessen haben. Claudia und Ernst haben auch keinen Korkenzieher dabei. Sie trinken lieber Bier. Das ist nun wirklich ärgerlich, denn ich habe einen wunderbaren gekühlten Chablis eingepackt. Dann fällt mir ein, dass ich im Autowerkzeug einen Korkenzieher deponiert habe und wirklich – er ist noch immer da. So ist das Picknick gerettet. Ich öffne also mit großer Vorfreue den Chablis, gieße ihn langsam in die Gläser, proste Ernst zu, der genüsslich sein Bier trinkt. In diesem Augenblick fällt der erste Tropfen. Ich bemerke ihn als Erster, sage aber natürlich nichts. Ich schaue argwöhnisch in den Himmel, wo schwarze Wolken aufgezogen sind. Wir waren so mit dem Picknickaufbau beschäftigt, dass wir die Wetterveränderung gar nicht wahrgenommen haben. Es tröpfelt. Ich denke, dass die Wolken schon weiterziehen. Ich habe aber nicht mit meiner Frau gerechnet. Sie liebt Picknicks, aber sie hasst Regen. Ich merke, wie sie ganz nervös wird. Dann eilt sie missmutig zum Auto.
Ich bin die Ruhe selbst, so ein bisschen Regen kann man ja wohl aussitzen. Das wird schon wieder. Aber dann bemerke ich, wie Claudia und Ernst auch immer nervöser werden und dann beschließen, das noch nicht begonnene Picknick abzubrechen. Ich nehme noch einen tiefen Schluck vom Chablis. Dann packen wir eilig alles ein und verstauen es in unseren Autos. Es tröpfelt tapfer weiter.
Wir beschließen, zum Italiener zu gehen. Er hat ausgezeichnete Pizzen. Als wir dort ankommen scheint die Sonne bereits wieder. Wir sitzen im Wirtsgarten und genießen unsere Pizza. Ein Mittagessen kann doch so angenehm und gemütlich sein …

Ratgeber für alle meine Freunde

Picknick ist eine Lebensanschauung, ein Feeling, eine Ansteckung. Das ist gut so. Denn nur so wird Picknick zur Philosophie. Es ist zudem eine Philosophie, die niemanden stört, beschädigt, verunglimpft. Das ist in unserer heutigen Welt doch eine gute Aussage.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich überzeugte Picknicker nicht bekehren lassen. Ein Sommer ohne Picknick ist kein Sommer. Und wer bringt es schon übers Herz, den Sommer abzuschaffen.
Nun gibt es für den Picknick-Banausen mehrere Möglichkeiten, wie er reagieren kann. Ist Picknick angesagt, bekommt er Migräne. Das haben uns die Frauen vorgemacht. Auch als Mann kann man dies durchaus anwenden. „Aber Schatz geh doch alleine zum Picknick. Ich lege mich ins Bett und trinke einen Tee.“ Ist die gute Ehefrau mit Freunden zum Picknick abgefahren, kann man bequem eine Flasche Wein öffnen und die Sportschau ansehen. Man sollte sich dabei aber nicht erwischen lassen. Weinflasche und Weinglas müssen rechtzeitig verschwinden. Niemand darf die Lust am versäumten Picknick erahnen.

So manches Picknick kann man auch durch schlechte Wetterprognosen im Vorfeld ausräumen. Schlechte Karten hat man jedoch auf die Dauer, wenn das Wetter von Stunde zu Stunde besser wird. In unseren Breiten hat man aber durchaus Chancen, dass sich das Wetter verschlechtern könnte. Es gibt allerdings wasserresistente Picknickfans. Bei denen hat man mit diesem Trick natürlich keine Chancen.

Hat man mit Ausreden und Abschwächen, mit Prognosen und Entschuldigungen keine weiteren Chancen sollte man den Stier bei den Hörnern packen und zum perfekten Picknicker mutieren. Nach dem Motto: Was man nicht verändern kann, sollte man zumindest bestimmen. Oder – wie bereits in der Bibel zu lesen ist: Liebe deine Feinde. Da meine Frau zu der Sorte von willensstarken Menschen zählt, habe ich mich entschlossen, mich zum perfekten Picknicker zu entwickeln. Hierzu habe ich an so vielen Picknicks wie möglich teilgenommen, um einfach zu üben. Ich habe mittlerweile 37 sehr unterschiedliche Picknicks mit Bravur bestanden. Ich bin zim wahren Picknick-Macher geworden. Meine Erfahrungen habe ich in diesem Ratgeber für Picknicker zusammengestellt. Ihn widme ich allen Picknick-Muffeln. Da sie sich ohnehin nicht durchsetzen werden, können sie auch gleich die Führungsrolle übernehmen und die Picknicks nach ihren Vorstellungen ausrichten.

Produktinformation
Loseblattsammlung: 198 Seiten
Verlag: Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA; Auflage: 1. Auflage (16. Mai 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3527506799
ISBN-13: 978-3527506798
Größe und/oder Gewicht: 14,8 x 11 x 1,6 cm

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