Ist ein Picknick-Ratgeber notwendig?

25. November 2008 | Von | Kategorie: Ratgeber

Nein, aber schön wäre es schon. Das Manuskript liegt jedenfalls vor. Nun suche ich noch nach einem Verlag.

So beginnt der Picknick-Ratgeber, eine Kostprobe:

Die Picknickmanie

Es wird unzweifelhaft Sommer. Ich erkenne das daran, dass die Kirschen auf dem Markt verkauft werden, deutsche Kirschen wohlgemerkt. Die Tagestemperatur steigt über 15 Grad, die Sonne verdrängt immer mehr die Wolken. Die Menschen auf den Straßen sind in der Tat eine Spur freundlicher und der eine oder andere lächelt sogar. In den Vororten stehen die Menschen in ihren Vorgärten und begießen mit Ausdauer Blumen und Büsche. Und selbst in den Städten prüfen die Mietshausbewohner mit wohl wollendem Blick die Geranien auf dem Balkon. Ich selbst mag keine Geranien, aber sie symbolisieren für mich, mehr als eine andere Blume, den Sommer. Das liegt natürlich an meiner Kindheit. Schon meine Mutter pflanzte mit viel Enthusiasmus Geranien und meine Frau ist diesbezüglich nicht weniger emsig.

Ja, auch an meiner Frau bemerke ich Sommerliches. Sie summt ab und zu ein Lied vor sich hin, wenn sie durch unser Haus streift. Sie hört nicht einmal auf zu summen, wenn sie zärtlich das eine oder andere Unkraut aus unserem Garten entfernt.

Da ich mit meiner Frau schon viele Jahre verheiratet bin und natürlich mit ihr vertrauensvoll zusammen lebe, ahne ich, was mich so in den nächsten Tagen ereilen wird. Irgendwann wird meine Frau aufhören zu summen. Stattdessen wird sie mich anstrahlen mit ihrem schönsten Lächeln und sagen: „Werner, ich hätte Lust auf ein Picknick.“ Ich schlucke dann etwas nervös und nicke zustimmen. Sonst gebe ich vorsichtshalber keinen Kommentar ab und widme mich noch intensiver als sonst  meiner Zeitung in der Hoffnung, dass dieser Kelch an mir vorbeigehen wird.

Aber ich weiß natürlich auch, dass ich in der Realität des Lebens keine Chancen habe. Der Sommer ist nun da und es beginnt unweigerlich die Picknickzeit. Diese Phase muss so etwas sein, wie die Brunft bei Tieren. Denn nicht nur meine Frau hat diese Idee, auch alle möglichen Nachbarn, Freunde, sogar honorige Geschäftskollegen.

Nun gibt es für uns eigentlich keinen einzigen Grund, dass wir uns einem Picknick hingeben müssten. Wir haben einen wunderbaren Garten und äußerst bequeme Gartenmöbel. Wir könnten eigentlich einfach im Garten frühstücken, Mittag essen, Abend essen, ein Bier trinken, den Nachmittagskaffee genießen, einen Cognac schlürfen. Aber darum geht es anscheinend nicht. Picknick steht auf dem Programm. Darunter versteht meine Frau, dass wir alles, was man zum Essen und Trinken benötigt einpacken und irgendwo hin fahren. Es sollte eine Wiese sein. (Kommentar: Wir haben in unserem Garten einen wunderschönen, bestens gemähten, weichen Rasen.) Absolut ideal wäre es, wenn man auch dem Auge etwas bieten könnte, also einen See, einen hohen Berg, das Meer, ein tief eingeschnittenes Tal. All dieses haben wir in unserer Region nicht, daher schauen wir meistens auf ein paar Bäume. (Kommentar: Wir haben in unserem Garten Fichten, Tannen, Kiefern in jeder Größe. Ich könnte mir diese Bäume durchaus ausdauernd ansehen.)

Ich denke mir, wie schön könnte doch ein Sommer sein, wenn man keinen Picknickstress hätte. Ich gebe mich der Illusion hin, dass meine Frau, die Picknick-Aufforderung vergessen hat, aber als das Wochenende naht, wiederholt sie ihren Wunsch. „Werner, ich würde mich freuen, wenn wir am Wochenende picknicken würden. Ich habe schon mit Claudia gesprochen. Sie kommen auch mit.“ Claudia ist die Busenfreundin meiner Frau und mit Ernst verheiratet. Beide sind begnadete Picknicker. Sie haben lange Erfahrung und berichten begeistert von allen möglichen Picknick-Erfahrungen. In meinem Kopf ballen sich da immer etwas chaotische Gedanken. Ich kann mich eigentlich an kein gemeinsames Picknick erinnern, das so richtig erfolgreich verlaufen wäre.

Aber da stehen wir schon vor der Gretchenfrage: Was ist ein erfolgreiches Picknick? Die Ansprüche sind unterschiedlich und es gibt auch viele Menschen, die ein bestimmtes Chaos benötigen. Nur dies verbinden sie gedanklich mit einem erfolgreichen Picknick. Ich hingegen bräuchte keinen Picknick-Stress. Ich wäre mit einem belegten Brot am Gartentisch auf meinem Rasen durchaus zufrieden.

Aber das Schicksal hat bereits gesprochen. Der Termin steht fest: Sonntag um 11.00 Uhr. Diese Freundespicknicks finden bei uns meistens zur Mittagszeit statt. Ich weiß zwar nicht warum, aber so ist es eben. Am Sonntagmorgen ziehen dunkle Wolken auf. Irgendwie finde ich auch, ist die Temperatur unter 15 Grad gefallen, aber meine Frau behauptet, dass ich mir das nur einbilde. Ich weiß nun aus Erfahrung, dass der Kelch an mir nicht vorbei gehen wird. Also füge ich mich. Ich suche im Haus zusammen, was man so alles für ein entspanntes Picknick benötigt. Ich hole eine alte Decke. Ich suche die zwei Weltmeister-Fußball-Klapp-Sessel im Keller und finde sie in einer Ecke, wo sie seit dem letzten Picknick im letzten Jahr gut ablagern. Ich entferne die Spinnennetze. In der Diele türmen sich mittlerweile die praktischen Klappkisten, gefüllt mit Geschirr, Lebensmittel und alles, was man eben so braucht. Meine Frau summt wieder vor sich hin. Sie ist gut gelaunt. Ich habe es immer gerne, wenn meine Frau gut gelaunt ist, daher verbiete ich mir alle mir auf der Zunge liegenden Kommentare. Ich schleppe alles, was sich in der Diele befindet ins Auto. Glücklicherweise handelt es sich bei diesem Picknick und eine einfache und simple  Picknickform. Wir fahren mit dem Auto zum Picknickplatz. Zweifelsohne schwieriger wird es, wenn man mit dem Fahrrad fahren muss oder gar Laufen angesagt ist. Ich empfinde es durchaus als positiv, dass meine Frau nichts übrig hat für so ein „Picknick light“. Ein gewisser Stil muss schließlich gewahrt bleiben.

Wir fahren mit dem Auto zu unserem Picknickplatz. Er ist nur etwa zehn Kilometer entfernt. Es ist eine Wiese mit Maulwurfhügel, Blick auf eine Baumgruppe. Zu erreichen ist sie über einen Waldweg. Claudia und Ernst sind schon angekommen. Sie haben ihre Decke ausgebreitet und schleppen diverse Klappkisten heran. Wir tun es ihnen gleich. Bei dieser Gelegenheit stellt meine Frau fest, dass ich auch unnötigerweise das Geschirr eingepackt habe, das unsere Tochter für einen Polterabend abholen will. Sorry, aber es stand in der Diele. Meine Frau mosert, dass ich nicht gewillt sei, mitzudenken, aber dann verzeiht sie mir, denn sie ist in guter Laune.

Nun wird das Essen aus den unzähligen Tupperdosen umgeladen in Glasschüsseln. (Was um alles würden wir ohne diese Tupperdosen machen?) Ich finde das Essen schmeckt zwar immer etwas nach Plastik, aber es überlebt jeden Transport bestens.

Wir stellen dann fest, dass wir den Korkenzieher vergessen haben. Claudia und Ernst haben auch keinen Korkenzieher dabei. Sie trinken lieber Bier. Das ist nun wirklich ärgerlich, denn ich habe einen wunderbaren gekühlten Chablis eingepackt. Wir diskutieren, wessen Schuld das ist. Ich bin natürlich der Meinung, dass dies eindeutig eine Nachlässigkeit meiner Frau ist, weil sie das Besteck einpackt und der Korkenzieher gehört zum Besteck. Meine Frau ist anderer Meinung. Ich war für den Wein zuständig und zum Wein gehört eindeutig der Korkenzieher. Wir beschließen, die Diskussion abzubrechen. Ich gebe meiner Frau recht.

Ich erinnere mich, dass ich im Autowerkzeug einen Korkenzieher deponiert habe und wirklich – er ist noch immer da. So ist das Picknick gerettet. Ich öffne also mit großer Vorfreue den Chablis, gieße ihn langsam in die Gläser, proste Ernst zu, der genüsslich sein Bier trinkt. In diesem Augenblick fällt der erste Tropfen. Ich bemerke ihn als erster, sage aber natürlich nichts. Ich sehe argwöhnisch gegen den Himmel, wo schwarze Wolken aufgezogen sind. Wir waren so mit dem Picknick beschäftigt, dass wir die Wetterveränderung gar nicht wahrgenommen haben. Es tröpfelt. Ich denke, dass dies schon vergeht. Ich habe aber nicht mit meiner Frau gerechnet. Sie liebt Picknicks, aber sie hasst Regen. Ich merke, wie sie ganz nervös wird. Dann eilt sie missmutig zum Auto.

Ich bin die Ruhe selbst, so ein bisschen Regen kann man ja wohl aussitzen. Das wird schon wieder. Aber dann bemerke ich wie Claudia und Ernst auch immer nervöser werden und dann beschließen, das noch nicht begonnene Picknick abzubrechen. Ich nehme noch einen tiefen Schluck vom Chablis. Dann packen wir eilig alles ein und verstaunen es in unseren Autos. Es tröpfelt tapfer weiter.

Wir beschließen, zum Italiener zu gehen. Er hat ausgezeichnete Pizzen. Als wir dort ankommen scheint die Sonne bereits wieder. Wir sitzen im Wirtsgarten und genießen unsere Pizza. Ein Mittagessen kann doch so angenehm und gemütlich sein.

Artikel weiterempfehlen ⇔ Share and Enjoy: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • email
Schlagworte: , , ,

Schreibe einen Kommentar