Grenzgänger Inhalt und Probetext

2. Januar 2014 | Von | Kategorie: Reisebücher

Grenzgänger_Kopie“Grenzgänger” führt entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und zeigt, was heute davon übrig geblieben ist, führt aber auch zurück in die Vergangenheit. Geschichte wird zum Leben erweckt. Das Buch soll Interesse wecken und einladen, nach-zu-fahren, nach-zu-erleben.

Hier bekommen Sie eine Übersicht über den Inhalt, immerhin 409 Seiten, reich bebildert. Und Sie können sich in das erste Kapitel einlesen (Am Dreiländereck – von Prex nach Possek).

Sie können das PDF bei mir bestellen, per Mail an mich: Werner.Schwanfelder@t-online.de. Es kostet vier Euro. Einfach überweisen an Werner Schwanfelder, Sparkasse Erlangen BLZ: 76350000, Konto 19143116.

Ich bedanke mich für die Bestellung und wünsche Ihnen spannende Unterhaltung.

 

 


Inhalt

 

Wo bitte geht`s zur Grenze?                               

Am Dreiländereck                                                 

Von Prex nach Possek

Begegnung mit dem Propheten                            

Von Possek nach Mödlareuth

Der knorrige Mensch von Possek

Wenn der Dorfbach zur Grenze wird: Mödlareuth 

Mödlareuth

Wenn der Milchbauer Bier trinkt

Die Museums-Kassen-Dame berichtet von China

Das aufregende Leben in Hirschberg                   

Von Mödlareuth bis zur Raststätte Frankenwald

Lebenslang für Sparnberg                                     

Von Hirschberg nach Sparnberg

Der Militarist von Sparnberg

Im Thüringer Schiefergebirge                         

Von Sparnberg bis Lehesten

Der Gastwirt von Lichtenberg

Thüringer Fleischküchle mit warmem Kartoffelsalat

Die Bananenfrau

Laura ist kein Mädchenname                            

Von Lehesten bis Schmiedebach

Der Professor und der Sinn des Lebens

Champagnertrüffel                                              

Von Schmiedebach bis Probstzella

Der Ingenieur aus Probstzella

Wüst wie eine Wüstung                                       

Von Probstzella bis Korberoth

Der Eiserne Vorhang zwischen

Neustadt und Sonneberg                                                    

Von Neustadt nach Sonneberg

Die Currywurst-Braterin von Sonneberg

Vom braunen Eisfeld ins prickelnde Rodach           

Von Sonnefeld bis Bad Rodach

Die Kachelwurst

Eine Feldblume für Billmuthhausen                         

Von Bad Rodach nach Billmuthhausen

Verloren in Ummerstadt                                         

Von Billmuthhausen nach Zimmerau

Wenn Politiker einmal antworten

Pärchen-Kommunikation bei Zimmerau

Die Wachtürme im Grabfeld                          

Von Zimmerau nach Irmelshausen

Der Schilderfabrikant

Rappershausen (West), Behrungen (Ost)

und ein Freilandmuseum Grenze                              

Von Irmelshausen nach Behrungen

Der müde Führer

Der Klang von Mellrichstadt                                 

Von Behrungen nach Mellrichstadt

Der Osterheimer Leberkäs

Der alte Schreiner

Auf dem Friedensweg                                      

Von Mellrichstadt nach Fladungen

Die Amerikanerin und die mexikanische Grenze

Zum Weg der Hoffnung                                        

Von Fladungen nach Geisa

Die Frau vom Seeleshof

Ein militärischer Begriff: Point Alpha                        

Bei und um Geisa

Der amerikanische Veteran

Was es mit der “Brücke der Einheit” auf sich hat            

Von Geisa nach Vacha

Der Müller der Buchenmühle

Der Buchhändler von Vacha

Bergbauland um Berka                                   

Von Vacha nach Berka

Thüringer, die besten Klöße

Die Museumsdame von Gerstungen

Die Israelin mit dem Verdacht

Thüringischer Wein

Exkurs: Der Mauerprofessor und die Mauer

Burgenblick: Von der Brandenburg

zur Creuzburg   

Von Berka nach Treffurt

Weiter im Werratal bis zum Schäfer                         

Von Treffurt nach Bad Sooden-Allendorf

Der Schäfer von Altenburschla

Allendorf und das Grenzmuseum Schiffersgrund     

Von Bad Sooden-Allendorf nach Lindewerra

Der Bericht über Heinz Große

Friedland ist immer noch Flüchtlingsheim            

Von Lindewerra nach Friedland

Der Pfarrer und der Sinn des Lebens

Nach Duderstadt und zum Grenzlandmuseum

Eichsfeld                                

Von Friedland nach Duderstadt

Der letzte Zeuge von Böseckenedorf

Der Eichsfelder Feldgieker

Per Tagebuch nach Bad Sachsa; Stopp in Ellrich      

Von Duderstadt nach Ellrich

Eine Liebschaft im Harz                                       

Von Ellrich nach Braunlage

Die Hotelbesitzerin

Die Familiensaga

Süß in Hornburg, mehr als sauer in Hötensleben     

Von Braunlage nach Hötensleben

Die Hopfenlikörpralinen

Der Geschichtsprofessor aus Leipzig

Die Manager der Feldküche

Der Zauberer von Helmstedt                                  

Von Hötensleben nach Helmstedt

Der Zauberer

Wo der Osten noch nach Osten riecht                  

Von Helmstedt nach Diesdorf

Die Senfbäuerin von Walbeck

Die Psychologen von Leipzig

Der Altfränkische Tiegelbraten

Baumkuchen und alte Geschichten                          

Von Diesdorf nach Salzwedel und nach Arendsee

Der Baumkuchen

Der Vater des Bäckermeisters

No go: Arendsee                                                    

Um den Arendsee herum

Über Gustav Nagel

Über Egon Krenz und Franz Josef Strauß

Im Angesicht der Elbe                                             

Von Arendsee nach Schnackenburg

Die Museumslady von Schnackenburg

Rote Haare am Elbestrand                                      

Von Schnackenburg nach Lenzen

Die Mitfahrgelegenheit

Der Wein von Mecklenburg-Vorpommern

Gorleben ist links                                                 

Von Lenzen nach Rüterberg

Wolf Biermann und Heinz Brandt

Die Revoluzzer von Rüterberg

Der Zankapfel Elbe                                                 

Von Rüterberg nach Lauenburg

Die Elbe-Überlebende

Der Wirt vom Checkpoint Harry

Der Matjes vom Störtebecker

Im hohen Norden                                                   

Von Lauenburg nach Lübeck

Gartenschläger und sein Gedenkstein

Die Frau vom Museum und ihr mutiger Pfarrer

Bericht vom Stammtisch

Grenzland am Ostseestrand                                 

Von Lübeck nach Klütze

Die Fischer von Dassow

Der Parkwächter am Strand von Harkensee

Mein Mann war IM

Die Aalsuppe

Vergeben, nicht vergessen                                      

Informationen für die Reise                             

Grenzmuseen

Weitere Links

 

 

 

 

Von Prex nach Possek

 

Ich habe meinen Navi mit „Prex“ gefüttert und er hat mich auch richtig geführt. Von Prex habe ich vorher nichts gehört, und ich würdige den Ort auch jetzt nicht. Denn ich bin irgendwie erregt, stehe unter Spannung einer unbekannten Erwartung.

Ich bleibe in der Ortsmitte stehen und frage einen Bauern, der gerade die Dorfstraße heruntergeht.

„Können Sie mir bitte sagen, wie ich zur Grenze komme?“

„Was wolln’S?“ fragt er zurück, hat mich anscheinend nicht verstanden.

„Zur Grenze.“

„Da können’S nicht rüber.“ Und er versucht mir etwas umständlich den Weg zum nächsten Grenzübergang zu erklären.

Ich bedanke mich und mir ist bewusst geworden, dass er die Grenze zur Tschechei meinte. Ich bin aber auf der Suche nach einer ganz anderen Grenze, nach einer Grenze aus der deutschen Vergangenheit.

Ich fahre noch etwas herum und finde dann ein Hinweisschild zum „Dreiländereck“. Das Schild wirkt auf mich neu, sehr neu, höchstens fünf Jahre alt, aber bestimmt keine fünfundzwanzig. Das ist wichtig, denn seit mehr als 25 Jahren gibt es hier kein Dreiländereck mehr, denn seit über 25 Jahren gibt es eben auch keine DDR mehr.

Man könnte dieses Schild als eine gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit Geschichte interpretieren, aber man könnte auch zu der gegenteiligen Meinung kommen. Vielleicht will man auf einem gewissen Gedenken auch nach über fünfundzwanzig Jahren bestehen.

Die Straße führt durch sattes hügeliges Land. Mein Auge ist erfüllt vom hellen Grün der Wiesen, vom dunklen Grün der Wälder, vom Gelb der Rapsfelder. Freudige, farbenfrohe Frühlingsstimmung nach einem langen Winter. Ich könnte ein Liedchen pfeifen, wenn ich pfeifen könnte.

Aber als ich mich dieser Un-Grenze nähere ergreift mich ein etwas schummrig-schauriges Gefühl, lokalisiert in der Magengegend. Das ist mein Grenzgefühl. Kein schlechtes Gewissen, das kann es nicht sein. Im Allgemeinen verstoße ich nicht gegen Gesetze. Ich führe auch nur so viel Alkohol oder Zigaretten ein oder aus, wie es eben erlaubt ist, falls überhaupt. Ich bin sogar irgendwie wahnsinnig ehrlich. Aber trotzdem habe ich dieses Gefühl. Das stellt sich auch jetzt prompt wieder ein. Ist es eine gewisse Achtung vor der Grenze? Ein Respekt, ein Hoheitsdenken? Ein Habacht vor der Allmacht der Grenzer? Es geht mir so, obwohl ich weiß, dass es hier keine Grenze mehr gibt. Phantomschmerzen wohl.

Die Straße führt an einem Hof im Fachwerkkleid vorbei – und plötzlich weist ein Schild den schmalen Weg links hinunter zu einem Parkplatz. Hier ist die Straße zu Ende.

Neben dem Parkplatz ein Denkmal, bestehend aus einem einfachen Kreuz, ein Helm darauf. Erinnerung an einen unbekannten Soldaten.

Ein reichlich feuchter Pfad führt hinunter ins Wiesental. Mit jedem Schritt sinke ich in die nasse Wiese ein. Die Fußspuren füllen sich schnell mit Wasser. Dann stehe ich plötzlich – ich kann nicht sagen unerwartet, aber dennoch plötzlich vor einem Grenzschild. „Hier verlassen Sie die Bundesrepublik Deutschland!“ Und gleich noch eines: „Tschechische Republik“. Ich stehe an einer tatsächlichen, real existierenden Grenze. Und dann schreite ich über das Brücklein, und damit über den Grenzfluss und bin in Tschechien. Die Tschechen haben einen soliden Bretterpfad durch die Niederung gebaut. Er wirkt wie eine Einladung, ein Willkommen.

Ich empfinde dies – trotz aller europäischen Grenzenlosigkeit, trotz Einladung – als sehr unwirklich. Keine Menschenseele zu sehen. Anscheinend kümmert sich an dieser Stelle kein Zöllner um diese Grenze. Es stört sich niemand daran, dass ich die Grenze überschreite.

So tue ich dies mehrmals. Es ist mir als müsste ich etwas beweisen. Aber was? Meine eingebildete Macht über die Grenze. Vielleicht.

Ich rieche das feuchte Grün der Gräser. Das ist an dieser Stelle der Geruch von Europa. Kann man Europa riechen? Weiß ich nicht. Vermutlich bilde ich es mir nur ein. Und ich bilde mir ebenfalls ein zu spüren, wie wir zu Europa zusammenwachsen.

Kann man nicht spüren, hätte ich früher überzeugt gesagt.

Aber jetzt nicht mehr. Jetzt kann ich es spüren.

Ich fühle Dankbarkeit. In diesem Europa sind die Grenzen durchlässig geworden, sie haben Furcht und Schrecken verloren.

Ich denke, ich könnte mein albernes Grenzgefühl auch abstellen. Aber Gefühle kann man eben nicht einfach abstellen.

 

Die Natur ist überbordend, kräftiges Grün in unterschiedlicher Schattierung und ein kleiner Bach, der unschuldig dahin fließt.

Aber ich bin auf der Suche nach einer anderen Grenze. Ich bin auf der Suche nach den Spuren der ehemaligen innerdeutschen Grenze. An diesem Ort weist kein Schild darauf hin. Aber ich bilde mir ein, dass ich den Todesstreifen erkenne, dort wo der Bewuchs noch niedrig ist, wo die Bäume und Büsche noch nicht so hoch geschossen sind wie andernorts.

Ich setze mich auf das Geländer des Brückleins und schließe die Augen. Ich stelle mir vor, wie hier drei Länder aufeinanderstoßen, waffenstarrend befestigt. Zäune, Mauern, Panzersperren, Soldaten mit Gewehren. Diese Gedanken erfassen mich mit Kraft. Ich bin kein sentimentaler Typ, aber manchmal ergreift mich die Weltgeschichte. Und jetzt ergreift mich schlichtweg die Tatsache, dass hier nichts mehr ist.

Somit bin ich also kurioserweise auf der Suche nach dem Nichts.

Ich öffne die Augen und kann nur bestätigen, dass ich ganz allein bin in diesem Dreiländereck. Das ist richtig erfreulich. Und die Vögel zwitschern. Und die Regentropfen auf den Blättern glänzen mittlerweile in der Sonne.

 

Ich bin im Begriff, eine Zeitreise zu unternehmen. Ich suche die Spuren der alten Grenze zwischen DDR und BRD, beziehungsweise was davon übrig geblieben ist nach über 25 Jahren. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, der mich aufbrechen ließ. Ich bin mir nicht sicher, warum ich hier stehe, nur dass.

Ich bin so alt wie die Grenze, wenn ich als Maßstab das Jahr 1952 nehme. Zu lesen ist, dass in diesem Jahr „die Grenze verstärkt befestigt“ wurde. Ich vergleiche meine Lebens-Zeit-Spanne mit der Grenze und schaudere. Immerhin lebe ich noch. Die Grenze erlitt einen tödlichen Herzinfarkt.

In all den Jahren meines Lebens habe ich – zumindest bis zu ihrem Fall – nie verstärkt über die Grenze nachgedacht, trotz ordentlicher Zeitungslektüre, trotz fleißigem Sehens der Nachrichten. Ich habe sie in all den Jahren ihrer Existenz nie beachtet, nie überschritten, nie angezweifelt. Es gibt daher keinen Grund, warum ich das jetzt nach 25 Jahren der Nicht-Existenz ändern sollte.

 

Den Luxus meiner Meinungsänderung erlaube ich mir erst jetzt.

Spät dran.

Richtig, aber nicht zu spät.

Da finde ich in den Tiefen meiner Seele vielleicht schon einen Grund: Ich will mir die Frage beantworten, was die Mauer für mich bedeutet, bedeutet hat. Aber noch viel mehr bewegt mich die Frage, was sich geändert hat, seitdem es die Mauer nicht mehr gibt.

Dahinter steckt auch ein bisschen die Sinnfrage nach unserem Tun, unserem menschlichen Tun. Welchen Sinn hatte es, die Mauer zu errichten, welchen Sinn hatte es aber auch, die Mauer einzureißen?

 

Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren mit einem Ostdeutschen diskutierte und dabei von der „ehemaligen DDR“ redete. Er unterbrach mich und fragte, warum ich von der ehemaligen DDR spreche. Man spricht doch auch nicht von der ehemaligen Weimarer Republik. Recht hat er. So bezeichnet das „ehemalig“ wohl nicht nur eine zeitliche Dimension, sondern ist eine Wertung. Warum spricht man nicht einfach von der DDR? Und wenn man unbedingt von der ehemaligen DDR sprechen will, so müsste man doch auch über eine „ehemalige BRD zu Zeiten der DDR“ sprechen, denn auch Westdeutschland hat sich durch den Einheitsprozess geändert.

Das hoffe er zumindest, sagte mein Gesprächspartner und ich bin schon wieder bei meiner Frage, was hat sich durch die Wende eigentlich verändert?

 

Auch der Ausdruck „innerdeutsche Grenze“ lässt mich leicht schaudern. Ist der Name überhaupt passend? Was heißt eigentlich „innerdeutsch“? Und noch eigenwilliger finde ich die Bezeichnung „deutsch-deutsche Grenze“. Ich weiß sehr wohl, dass eine bestimmte Absicht hinter der Wahl solcher Wortkonstruktionen liegt. Damit will man etwas aussagen, was in den reinen oberflächlichen Fakten vielleicht gar nicht so zum Ausdruck kommt.

Die Richtigkeit dieser Überlegung beweist sich in meiner Person. Ich dachte noch nicht politisch als die Mauer gebaut wurde. Ich habe später mit ihr gelebt, ohne mir darüber viele Gedanken zu machen. Ich habe auch die Existenz der DDR und damit die Existenz einer Grenze immer als gegeben angesehen. Ich war mir zwar der Geschichte bewusst, aber ich hatte keine Visionen. So habe ich niemals an eine Wiedervereinigung geglaubt, und niemals an den Abbau der Grenzanlagen.

Aber ich mache es mir nicht zum Vorwurf. Ich gestehe daher frei und offen: Ich habe nicht nur nicht an eine Wiedervereinigung geglaubt, ich habe in meiner Ignoranz nicht einmal daran gedacht.

Warum mache ich mir jetzt darüber Gedanken? Es gibt keinen besonderen Grund. Es ist vermutlich eine besondere Art von Neugierde. Und für die Neugierde ist es nie zu spät. Ich weiß, dass die Grenze und ihre Überwindung irgendwie zu meinem Leben als Deutscher gehören.

Die Grenze hat viel Leid über die Menschen gebracht, hat alte Verbindungen gekappt, hat unterschiedliche Lebensentwürfe gestaltet. Man sagt, die Grenze sei zwar verschwunden, aber noch lange nicht überwunden. Wie empfinden das die Menschen, die hier nebeneinander, auf beiden Seiten der Grenze gelebt haben?

 

Hallo Roswitha

Ich selbst hatte nichts mit der Grenze zu tun. Ich wohne weit im Süden, war damit mein Leben lang weit von der Grenze entfernt. Für mich war es aufregender nach Asien, Afrika oder Amerika zu fahren als in die DDR.

Allerdings habe ich vor einiger Zeit eine Frau kennengelernt, auf einer Lesereise, denn sie ist Schriftstellerin. Und sie fasziniert mich.

Sie kommt aus Thüringen. Ich bin ein Ignorant, habe sogar vergessen, aus welcher Stadt. Denn das spielt für mich keine Rolle. Sie ist eine ausgesprochen moderne Frau, zumindest so wie ich mir eine moderne Frau vorstelle. Ich bin selbst nie auf den Gedanken gekommen, dass sie aus der DDR stammen könnte. Ich habe nicht in diesen Kategorien gedacht. Erst in einem Gespräch habe ich diese simple Tatsache einem Nebensatz entnommen. Dann auch nicht weiter nachgefragt, kein Interesse daran.

In der Zwischenzeit sind wir uns etwas näher gekommen, so dass ich mich getraut habe, sie zu fragen, ob sie mitfahren will, ob sie mit mir gemeinsam die Vergangenheit entdecken will.

Sie hat aber nur gelacht und ich war gelinde gesagt beleidigt.

Mit der Vergangenheit habe sie nichts am Hut, sie wolle nur noch an die Zukunft denken.

„Lass die Vergangenheit ruhen.“ sagte sie. Die Vergangenheit sei das, was vergangen ist. Daraus folgt, dass die Vergangenheit nur aus Teilen besteht, die nicht mehr sind, also nicht existieren. Warum soll man sich dann um die Vergangenheit kümmern?

Ich muss sagen, dass mich der Einwurf überrascht hat, denn eigentlich war ich immer derjenige, der zukunftsorientiert gelebt habe – mit dem Nachteil, dass mir die Gegenwart manchmal entglitten ist, und sich damit in meiner Vergangenheit viele Erinnerungslücken aufgetan haben.

Übrigens meine Bekannte, ich weiß gar nicht, ob ich sie Freundin nennen kann, heißt Roswitha.

Ich wiederholte im Gespräch mit ihr, fast etwas aufsässig, dass ich die Vergangenheit nach-erleben möchte.

Sie lachte wieder. „Das kann man doch nicht. Gib Dir keine Mühe.“

Die Gegenwart ist ein Punkt auf unserer Zeitlinie, der sich in Richtung Zukunft bewegt. Damit ist die Vergangenheit eine Ansammlung von Informationen in unserem Kopf, die sich aus der bereits erlebten Gegenwart ergibt. Und was ist dann die Zukunft? Sie ist lediglich eine logische Schlussfolgerung, daraus, dass Vergangenheit und Gegenwart eine Zukunft erfordern. Und es ist natürlich klar, in der Zukunft werden wir irgendwann sterben.

Nun kommt aber noch hinzu, was ich ihr nicht sagte, dass ich eigentlich nach einer Vergangenheit suche, die ich nicht erlebt habe, über die ich mir erst Informationen von anderen beschaffen muss. Und trotzdem habe ich die Ahnung, dass diese Vergangenheit auch mich betrifft.

„Komm doch mit.“ insistierte ich. „Du kannst mir mit Informationen aus deiner Vergangenheit helfen.“

Aber sie lehnte ab, ich könne sie ja anrufen, wenn ich auf wichtige Bausteine der Vergangenheit gestoßen sei. Sie sei währenddessen Richtung Zukunft unterwegs.

 

Es ist ein historisches Faktum, dass die Siegermächte nach dem Krieg einen Grenzverlauf festgelegt haben. Sie definierten damit die Grenze zwischen den westlichen Besatzungszonen und der sowjetischen Besatzungszone. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 bestand diese Aufteilung mehr oder weniger fort und wurde zur Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland. Und sie ist genau 1378 km lang.

 

Ich habe nie in der Nähe einer Grenze gelebt, so ist mir die emotionale Bedeutung einer Grenze gar nicht so richtig klar. Grenzen sind anscheinend so etwas wie Duftmarken, wie sie auch von Hunden und anderen Tieren gelegt werden, um ihr Refugium anzuzeigen. In diesem Sinne sind Grenzen Duftmarken von Macht. Regierungen und Völker grenzen damit ihren Staat, ihr Herrschaftsgebiet ab.

Man könnte durchaus die Meinung vertreten, dass es ohne Grenze keinen Staat gibt. So ist wohl jeder Staat bedacht auf seine Grenze.

Und noch ein anderer Gedanke: Grenzen sind so etwas wie die Visitenkarte eines Staates. So war die Grenze der DDR und ihre Befestigung eine besonders schauerliche Visitenkarte.

Die DDR benannte die bewusste Grenze im offiziellen Sprachton als „Staatsgrenze der DDR zur Bundesrepublik Deutschland“. Daraus kann man schon entnehmen, dass sich die DDR ihrer Staatshoheit wohl nicht so sonderlich sicher war und daher umso mehr Betonung in das Wort Staatsgrenze legte und darauf bestand, dass dies ihre Grenze war, die Staatsgrenze der DDR. In der Bundesrepublik übte man sich dagegen in understatement. Bei der Grenze handelte es sich nur um eine „Zonengrenze“, also keine richtige Grenze, sondern nur um eine Grenze zwischen zwei Zonen. Wie bei der U-Bahn. Beim Überfahren muss man einfach einen neuen Fahrschein lösen. Dabei kann man aber wohl davon ausgehen, dass auch der bundesdeutsche Staat Unterschiede machte. Die Zone waren die anderen, der deutsche Staat, das war man selbst. Also während sich die Bundesrepublik bemühte, den Eindruck zu erwecken, es handle sich nicht um eine richtige Grenze, bestand die DDR darauf, dass es sich um eine ganz besonders wichtige Staatsgrenze handelte. Später stellte sich heraus, dass es sich bei dieser Grenze, wie immer man zur ihr stand, um die wichtigste Grenze in der Welt handelte.

Ich wusste viele Jahre nicht einmal, was eine Demarkationslinie ist. Das Lexikon gibt folgende Auskunft: Es sei eine vorläufige Grenze, die nach Streitigkeiten, nach einem Krieg festgelegt werde.

Wie wurde sie wohl festgelegt? Zunächst: Durch Klüngelei unter den Siegermächten, Streit bahnte sich bald an. Irgendeiner machte einen praktikablen Vorschlag: Nehmt doch die Ländergrenzen. Die Unterhändler lehnten sich entspannt zurück. Dieses Problem hatten sie gelöst.

Die wichtigste Demarkationslinie war meines Erachtens der Limes. 2005 wurde der obergermanisch-rätische Limes zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt. Vielleicht werden eines Tages auch einmal die Reste der innerdeutschen Grenze als Weltkulturerbe geadelt.

Die Demarkationslinie des römischen Weltreichs entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. zwischen Rhein und Donau – eine logistische Meisterleistung. Geniale Baumeister schufen eine Grenzbefestigung, die über Berge und durch Täler verlief. Mit einem enormen finanziellen Aufwand und dem Einsatz zahlloser Legionäre wurde eine der frühesten Staatsgrenzen errichtet.

Gar nicht so anderes die innerdeutsche Demarkationslinie. Auch sie ist im Laufe der Zeit zu einer Meisterleistung des Schreckens geworden.

Einen großen Unterschied meine ich zu bemerken. Die römische Demarkationslinie war wohl hauptsächlich eine Drohkulisse, die die germanischen Nachbarn abschrecken sollte. Die Steinbauweise beeindruckte die einfältigen Barbaren, die nur ihre simple Holzarchitektur kannten. Der Grenzwall mit seinen rund 900 Wachtürmen war eingebunden in ein System von befestigten Straßen und Militärlagern. Noch heute markiert der Limes Flur- und Verwaltungsgrenzen und hat so bis in unsere Tage die Landschaft geprägt. Ähnlich gestalteten sich auch die Grenzbefestigungen an der innerdeutschen Demarkationslinie. Auch sie waren als Abschreckung gedacht, aber nicht so sehr gegenüber dem Westen, sondern gegenüber der eigenen Bevölkerung.

Heute noch markiert die innerdeutsche Grenze weithin Landesgrenzen und bildet sogar einen wunderbaren, artenreichen grünen Vegetationsgürtel, der durch das Land führt. Also vom Todesstreifen zum Lebensraum.

 

Die Bedeutung dieser innerdeutschen Grenze hat vielen Juristen auf beiden Seiten manches Kopfzerbrechen verursacht. Da die DDR lange Zeit kein richtiger Staat war, wobei die Frage erlaubt sei, was einen Staat überhaupt ausmacht, konnte es auch keine Staatsgrenze geben. Selbst als 1972 im Grundlagenvertrag die DDR von der Bundesrepublik zwar staatsrechtlich anerkannt wurde, aber natürlich nicht völkerrechtlich, in diesem Sinne also niemals Ausland war, konnte man nicht von einer Staatengrenze sprechen.

Dabei war in der realen Welt diese innerdeutsche Grenze mehr als nur eine Staatsgrenze. Sie war der wichtigste Teil einer Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, zwischen gegensätzlichen Militärblöcken und unvereinbaren Wirtschaftssystemen. Und damit passte ein anderer Name weit besser: Eiserner Vorhang.

 

Ich kann gut verstehen, dass man eine Grenze, die nicht so richtig als Grenze anerkannt wird gut befestigen muss, um sie als Grenze erst recht richtig zu verankern.

So war es das erklärte Ziel der DDR, ihre Grenze richtig aufzumotzen.

Schon 1952 wurde die Grenze seitens der DDR befestigt. Und seit 1954 wurde auf der DDR-Seite entlang der Grenze ein Sperrgebiet eingerichtet. Dieses setzte sich zusammen aus Kontrollstreifen, Schutzstreifen und Sperrzone. Hört auf die Worte. Der harmlos klingende Kontrollstreifen wurde bald reichlich martialisch, aber durchaus realistisch Todesstreifen genannt. Damit hatte man de facto eine sehr reale Grenze geschaffen, unabhängig von irgendwelchen juristischen Vorbehalten.

Ab 1961 bestand die Grenzanlage aus einem schwer überwindbaren doppelten Stacheldrahtzaun beziehungsweise einem Streckmetallgitterzaun mit Selbstschussanlagen. Und manchmal, in bewohnten Gebieten bestand die Grenze auch aus einer Mauer.

 

Der 9. November 1989 ging mit der Bezeichnung „Mauerfall“ in die Geschichte ein. Die Ereignisse, die zu dem Wegfall der Grenze führten bestanden aus Dilettantismus, Unfähigkeit und unglaublichen Zufällen. Diese Ereignisse schufen die Wiedervereinigung Deutschlands am 3.Oktober 1990.

 

Beeindruckend bleibt die Tatsache, wie schnell solch eine bewehrte auf schiere Ewigkeit ausgelegte Grenze fallen kann. Ich hatte nie damit gerechnet, ich hatte nie mit solchen Visionen gelebt. Aber nach der Öffnung fuhr ich in den Osten und entdeckte voller kindlichem Staunen deutsches Kulturland, wie es nicht faszinierender sein kann. Ostdeutschland wurde ein Teil Deutschlands, in meinem Bewußtsein. Und da wächst irgendwie doch zusammen, was eben zusammen gehört.

 

Es ist über den 9. November 1989 viel geschrieben, gesprochen, diskutiert worden. Für mich war dieses Ereignis überwältigend. Ich habe das Unmögliche als möglich erlebt. Wenn die Menschen das verinnerlichen, können sie Mauern, Zäune, vielleicht auch Berge beseitigen.

Aber für viele Menschen ist dieses Ereignis bereits weit entfernte Geschichte. Die Gegenwart frisst die Vergangenheit auf: Angesichts heutiger globaler Krisen, Beschleunigungen und Bedrohungen liegt für viele das Jahr 1989 weit weg, tief im 20. Jahrhundert. Und es kommt hinzu, dass die Wiedervereinigung nicht kostenlos zu erbringen war. Sie hat immense menschliche und materielle Kosten gefordert. Für viele war der Preis zu hoch.

Zwar ist es unbestreitbar, dass die Revolution von 1989 eine historische Dimension ungeahnten Ausmaßes hatte. Sie bedeutete die Überwindung des Eisernen Vorhangs. Aber dennoch hat dieses Ereignis in Deutschland nicht für einen Gründungsmythos für ein neues Deutschland ausgereicht, wohl weil es eine einseitige ostdeutsche Revolution war. Die westdeutsche Bevölkerung hat am 9. November nur zugeschaut. Dennoch: Die Masse der ostdeutschen Bürger schuf den erhabensten und glücklichsten Moment der deutschen Demokratiegeschichte.

Daran sollten wir immer denken und uns daran ergötzen. Vielleicht braucht es noch mehr Zeit bis wir erfassen können, was damals wirklich geschah. Es war ein Epochenjahr, in dem das kommunistische Experiment beendet wurde. Und die Deutschen hatten daran einen hohen Anteil.

Nach der Wende ging man in aller Eile an die Neugestaltung. So wurden auch die Grenzbefestigungen überall geschleift. In den letzten 25 Jahren haben die Bürger gründliche Arbeit geleistet. Sie haben die Grenze abgetragen und nicht mehr viel erinnert an sie.

Warum eigentlich? Die Grenze gehört zu unserer deutschen Geschichte, kann über eine wichtige Epoche Zeugnis ablegen. Sie gehört zumindest zu unserem geschichtlichen Selbstverständnis.

Nun wird aus den Grenzbefestigungen ein „Grünes Band“, deren Entstehung auch ein Unikat sein dürfte. Fast 40 Jahre lang war der Grenzstreifen unberührtes Land. Hier konnten sich Pflanzen und Tiere, sofern sie nicht von Minen zerfetzt wurden, ungestört entwickeln. Heute soll sich der alte Grenzstreifen in ein grünes Band der Natur verwandeln und bewahrt werden. Vom Todesstreifen zum Lebensraum. Finde ich gut.

 

Und ich mache mich auf den Weg, auf die Suche nach der Grenze. Was ist übrig geblieben, welche markanten Überreste gibt es aus dieser Epoche? Was ist aus der Grenze geworden?

Da gibt es eine ganz speziell bayerische Sicht der Dinge. Nach der Wende begrüßte man die Ostdeutschen in Bayern zwar herzlich beim Kurzausflug nach München ins Hofbräuhaus. Aber dann wollte man auch wieder seine Ruhe haben. Als es um die gemeinsame deutsche Hauptstadt ging, schlug der damalige Ministerpräsident Max Streibl allen Ernstes Augsburg, Regensburg und Nürnberg vor, alles alte Reichsstädte. An eine Hauptstadt Berlin dachte in Bayern niemand. Nicht mit uns Bayern. Das ist bis heute so geblieben. Statistiken und Befragungen ergeben, dass viele Bayern auch heute nicht zu bewegen sind, den Osten Deutschlands zu besuchen, das ist eine terra incognita. Und noch heute gibt es viele Vorurteile, der Osten sei grau und immer noch kommunistenverseucht.

 

Hallo Roswitha

 

Roswitha war ganz erbost als ich von meinem Grenzvorhaben erzählt habe. „Die Grenze ist nicht wert, erhalten zu werden. Die Grenze ist ein Synonym für Unterdrückung. Diese Grenze hat, wenn Du so willst, unser Leben erschwert und uns gedemütigt. Die Grenze ist wie ein Pranger für die gesamte ostdeutsche Bevölkerung.“ Es solle alles getilgt werden, jeder Zaun, jede Mauer, jeder Wachturm. Die Stasi-Bonzen, die von allen möglichen Behörden und Unternehmen übernommen worden sind, werden irgendwann einmal aussterben, aber die Betonbauten bleiben erhalten, wenn man sie nicht dem Erdboden gleichmacht. Aber das haben wir bereits versäumt. Und dann kommen senile Touristen, die auf den Spuren dieser Grenze wandeln wollen. Sie sollen doch lieber die antiken Stätten in Griechenland besuchen. Die Mauer ist keine Sehenswürdigkeit.

„Aber eine historische Erinnerung.“ sagte ich ganz leise, um sie nicht noch mehr zu reizen.

So bin ich jedenfalls alleine losgezogen.

 

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