Werte

Essays

Kennen Sie die Richtung? Eine Sammlung von Gedanken zu den Werten des heutigen Lebens

Haben Sie sich schon einmal gefragt, welche Richtung Sie einschlagen sollen? Dabei ist natürlich nicht die Richtung gemeint, die man beim Wandern nehmen soll, sondern die Richtung, die einen im Leben weiter bringt.
Die Richtung ist abhängig von meinen, Deinen, unseren Werten. Ich richte mein Leben nach meinen Werten. Sie sind für mich wertvoll.
Es gibt materielle und immaterielle Lebenswerte. Die materiellen Werte sind auf jeden Fall wichtig, aber sie sind nicht allein ausschlaggebend. Meine Arbeit und was ich damit verdiene, gibt mir eine wichtige materielle Grundlage, der ich viel Zeit und Energie widme. Aber dies ist nur ein kleiner Teil meines Lebens. Es gibt noch andere Werte wie Freundschaft, Sicherheit, Angstfreiheit, Liebe. Diese Werte prägen mein Leben, diese Werte geben mir meine Lebensrichtung vor.
Psychologen konstatieren, dass viele Jugendliche kein Bewusstsein für Werte, für Maßstäbe und damit natürlich auch keine Vorstellungen von Grenzen und einer Richtung haben. Heißt das, dass wir unsere Kinder zu frei erzogen haben, ihnen nicht geholfen, Werte zu definieren, zu verinnerlichen, und schließlich die Richtung festzulegen? Sie können es nicht? Kennen wir die Richtung?
Im 20. Jahrhundert gab es wahrscheinlich die umfassendste Kulturrevolution, die in Deutschland geschah. Am Anfang dieses Jahrhunderts gab es feste und unwidersprochene Werte. Vaterland, Ehre, Verantwortung waren eindeutig definiert. Diese Werte wurden gelebt, wurden sehr eng gelebt. Die beiden Weltkriege führten zwangsweise zu ganz neuen Werten. Sie gaben die Richtung konkret an: zuerst überleben, dann nachholen. Alle kannten die Richtung, das führte auch zu materiellem Wohlstand. Die Generation der 68er hat den Wertekatalog unserer Gesellschaft vollkommen umgeschrieben. Die neuen Schlagworte der liberalen Gesellschaft waren Kritikfähigkeit und Solidarität, Toleranz und Autonomie, und vor allen Dingen Akzeptanz auch anderer Wertvorstellungen. Toleranz ist wichtig, dafür einzutreten ist gut. Aber Toleranz ohne eigene fundierte Werte führt zur Auflösung von Moral und Gesellschaft.
Es ist daher an der Zeit, wieder über Werte nachzudenken, wieder Werte zu definieren, sie zu verinnerlichen und zu leben. Jede Gesellschaft ist in ihrem Funktionieren abhängig von der ausgeglichenen Balance zwischen geistigen und materiellen Werten. Je tragfähiger dabei die geistigen, die intellektuellen, die religiösen Grundlagen und Werte sind, desto besser geht es den Menschen, bester leichter erreicht man auch die Erfüllung materieller Werte.
Was sind meine Werte? Kenne ich meine Lebensrichtung? Jeder sollte diese Fragen für sich beantworten können. Wer zögert, sollte dies als Anlass nehmen darüber nachzudenken.
Es wurde das Wort der „Spaßgeneration“ geprägt. Unsere Kinder, unsere Jugend sind nur am Spaß des Lebens interessiert. Die Richtung ist dort, wo Fun ist. Vorbilder und Wertmaßstäbe werden von Entertainern wie Harald Schmidt, Guildo Horn und Stephan Raab gesetzt. Geben sie tatsächlich Lebensrichtungen für die Menschen in unserem Land an?
Es ist, glaube ich, glauben so manche Menschen, wieder notwendig zurück zu den Wurzeln unserer Kultur zu gehen. “In Verantwortung vor Gott und den Menschen“ und “Die Würde des Menschen ist unantastbar“ formuliert das deutsche Grundgesetz in seiner Präambel und postuliert damit wie selbstverständlich christliche Werte als Grundlage für unsere Gesellschaft. Die Verantwortung vor einer letzten, unsichtbaren Instanz, also Gott, wird zum Garant für die Würde der Menschen und für ein Zusammenleben in individueller Freiheit und gesellschaftlicher Solidarität.
Die genannten Wertvorstellungen gehen zurück bis auf die Zehn Gebote. Sie sind unser Weltkulturerbe. In vielen Kulturen findet man ähnliche Inhalte. Die ersten drei Gebote sind jedoch einzigartig für das Jugentum und für das christliche Abendland: “Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Daneben stehen die Gebote, kein Bild von Gott zu machen und den Feiertag zu heiligen. Diese drei Gebote beschreiben die Heiligkeit des Raumes, in dem wir leben und der die Wiege unserer Kultur geworden ist. Wir sind gut beraten, unsere Lebenswerte in diesem Raum zu suchen und hoffentlich auch zu finden.
Wir wollen in diesem Jahr im Gemeindebrief nach solchen Werten suchen und diese diskutieren. Wir wollen damit Denkanstöße geben. Denn eines ist richtig und wichtig gleichermaßen: Werte braucht das Land, Werte brauchen die Menschen, und wir sind verpflichtet, den nachfolgenden Generationen Werte zu vermitteln und Werte vorzuleben.

Der erste Wert: Achtung

„Achtung, ein Auto!“ so hat der eine oder die andere bestimmt schon einmal gerufen. Dabei benutzte er das Wort Achtung als Warnung. Achtung bringe ich andererseits einer Person entgegen – der Begriff wird damit ein wichtiger Wert im menschlichen Zusammenleben. Für mich ist Achtung der elementarste Wert, denn er basiert auf dem Grundrecht eines jeden Menschen, seiner unantastbaren Würde. Achtung hat Power. Achtung motiviert das Gegenüber und regt es zu vielfältigen Leistungen an. Führungskräfte lernen in fast jedem Seminar, dass sie Mitarbeiter nur dann motivieren können, wenn sie ihnen wertschätzend begegnen, ihre positiven Fähigkeiten und Ressourcen wahrnehmen und stärken und ihnen Respekt entgegenbringen. Das ist nichts anderes als „gelebte Achtung“. Was Manger lernen und dann hoffentlich auch aus Überzeugung anwenden, gilt natürlich für alle zwischenmenschlichen Begegnungen, die wir tagtäglich erleben.
Achtung hat viel mit Nähe zu tun. Es ist leicht, die Tuareg in Nordafrika zu achten, sozusagen von einem theoretischen, humanistischen Standpunkt aus, denn die Tuareg sind weit entfernt von unserem Lebensmittelpunkt. Sie zu achten kostet gar nichts, nicht einmal persönliches Engagement.
Viel konkreter fordert uns Achtung, wenn es um den Nachbarn geht, zumal wenn wir ihn nicht mögen, Ich empfinde es durchaus als anstrengend, wenn ich einen Geschäftskollegen achten soll, der mir schon zum wiederholten Mal auf die Nerven gegangen ist.
Wie äußert sich Achtung? Achtung erhält Substanz, wenn ich jemanden das Gefühl einer Wertschätzung vermittle. Es ist eine Tatsache, dass Menschen über sich selbst hinauswachsen können, wenn sie erfahren, dass man ihnen etwas zutraut, wenn sie geachtet und respektiert werden. Und umgekehrt können sie verkümmern, wenn sie das Gegenteil spüren, wenn sie sich missachtet fühlen, an den Rand gedrängt, ganz einfach für unwert befunden fühlen. Wenn ich also mein Gegenüber achte, ihm Wertschätzung entgegen bringe, fördere ich ihn und helfe mir gleichermaßen. Win-Win-Situation nennt man das in der Managersprache. Gemeint ist, dass beide aus der gegenseitigen Achtung profitieren.
Was heißt damit Achtung ganz konkret? Jemanden achten bedeutet, ihm im täglichen Leben auf der gleichen Augenhöhe zu begegnen und das ganz egal, ob er uns fremd oder nahe ist ,ob wir uns über ihn geärgert haben oder ob wir ihn bewundern. Das heißt, wir können Lob und Tadel aussprechen und trotzdem achten und wertschätzen.
Dies leben zu können, bedeutet aber, dass wir uns auch selbst annehmen können: Erst dann sind wir in der Lage uns gegenüber anderen zu öffnen. In dieser Öffnung wird Achtung, Annahme und Wertschätzung offenbar. Es geht also nicht um eine ferne, humanistische Einstellung, sondern um eine ganz konkrete Lebensform. Achtung äußert sich im Tun und manchmal auch im Nichttun. In Madrid hatte sich eingebürgert, dass von Donnerstagabend bis Sonntag jede Nacht auf den Plätzen und Straßen große ausgelassene Partys stattfinden. Dabei wird gelärmt, Alkohol getrunken, mit Flaschen, Büchsen und Fäkalien die Plätze verunreinigt. Was den einen Spaß macht, ist den anderen, den Anwohnern ein Graus. Sie können nicht mehr schlafen, sie müssen mit Schmutz und Abfällen leben. Zweifelsohne: Die Feiernden achten nicht die Anwohner. Wir müssen dabei nicht nach Madrid gehen. Wie steht es mit der Achtung bei unseren eigenen Feiern, in unserer eigenen Familie, in unserem eigenen Büro?
Von Achtung ist es nur ein kleiner Schritt zur Liebe. Doch das ist bereits ein neues Thema.

Ausdauer, ein langweiliger Wert

Ich habe die Redaktionssitzung verschwitzt und noch keinen „Wert“ bearbeitet. Ich erkenne auch keinen Wert vor meinen Augen, es kristallisiert sich keiner aus dem Dschungel meiner Gedanken heraus. Ich sollte endlich vorwärts kommen.
Und da fällt mir plötzlich ein Wert ein, der allerdings langweilig ist, nicht so packend wie Liebe, Mut oder Freiheit. Ausdauer! Was ist das schon? Ausdauer ist, wenn man jedes Monat einen Werteartikel schreibt und das ein ganzes Jahr lang, finde ich zumindest. Ausdauer setzt immer ein Ziel voraus und der Weg zum Ziel ist die Ausdauer. Ausdauer üben wir für gewöhnlich frühzeitig ein, wenn kleine Kinder das Gehen probieren. Sie lassen nicht locker, bis sie auf zwei Beinen sicher durch die Welt stolzieren. Wenn wir die Schulausbildung beginnen und beenden – dazwischen steckt die Ausdauer. Nicht alle, auch nicht alle Schüler sehen die Notwendigkeit dieser Ausdauer ein. Hier entscheidet es sich zwischen denen, die auf Ausdauer setzen und denen, die Ausdauer nicht lieben.
Ausdauer kann man lernen. Sie ist eine Art von Selbstdisziplin. Das bedeutet aber, dass ich Ausdauer selbst will. Vor der Ausdauer kommt die Entscheidung und das Wollen. Gerade habe ich im Fernsehen einen Ausschnitt der Tour de France gesehen. Diese Radrennfahrer benötigen Ausdauer, jeder einzelne von ihnen. Ohne Ausdauer könnten sie das Rennen nicht durchstehen.
Meine Arbeit setzt Ausdauer voraus, eine Abteilung, einen Betrieb aufbauen kann nur mit Ausdauer geschehen. Da hat jemand ein Ziel und geht den Weg zum Ziel mit Ausdauer.
Ausdauer ist kein leichter, federnder Wert. Ich verbinde damit Anstrengung, aber auch gleichzeitig Genugtuung. Denn Ausdauer steht nicht für sich. Die Erreichung des Ziels ist die Krönung der Ausdauer. Meine Tochter beginnt ihr Medizinstudium. Ich bewundere die Ernsthaftigkeit, mit der sie dieses Studium angeht. Mindestens 13 Semester liegen noch vor ihr, das Ziel befindet sich in weiter Ferne. Sie wird Ausdauer benötigen. Sie wird die Ausdauer auch aufbringen. Die Erreichung des Ziels ist die Genugtuung.
Alle großen Taten der Weltgeschichte haben etwas mit Ausdauer zu tun. Alexander der Große benötigte Ausdauer, um das Perserreich zu erobern. Eine der großen Tugenden Hannibals war die Ausdauer, als er mit seinen Elefanten die Alpen überquerte. Ausdauer zeigten auch die 90000 chinesische Kommunisten, die am 27.10.1934 den “Langen Marsch” über 12500 km antraten. Es fällt auf, dass Ausdauer immer dann im Spiel ist, wenn Großes geleistet wurde.
Theodor Fontane lässt in seinem Roman „Der Stechlin“ seine Hauptfigur Dubslav äußern: „Courage ist gut, aber Ausdauer ist besser.“ Gemeint ist mit dieser Aussage, dass es vielfach besser ist, ein Ziel durch Geduld und zähes Beharren zu erreichen und lieber auf riskante Aktionen zu verzichten.
Nun müssen wir nicht gleich Weltgeschichte schreiben wollen. Schon das Leben für sich – das ist Großes – benötigt Ausdauer. Alle Ziele, die ich mir im Leben stecke, benötigen mehr oder weniger Ausdauer. Krankheit benötigt Ausdauer. Ich komme besser mit meinem Leben zurecht, wenn ich Ausdauer aufbringe. Christsein benötigt Ausdauer. Christsein ist mein Ziel und wird immer das Ziel bleiben. Der Weg dorthin ist mein Leben und die Ausdauer. Vielleicht sind wir als Christen sogar der Ausdauer verpflichtet, mir gegenüber und anderen gegenüber. Die Ungeduld ist das Gegenüber. Keine Zeit und durch. Manchmal erreicht man auch so seine Ziele. Aber sicherer und eleganter, schonender und freundlicher ist die Ausdauer.
Es bedarf der Ausdauer, eine gute Jugendarbeit zu schaffen. Es bedarf der Ausdauer, als Seelsorger anerkannt zu werden. Es bedarf der Ausdauer, Gemeinde aufzubauen. Es bedarf der Ausdauer zu leben. Jeder Mensch hat Wünsche und Ziele in seinem Leben. Vor ihnen darf er sich nicht scheuen, er sollte sie mit Ausdauer angehen.
Ausdauer ist vielleicht ein langweiliger Wert, aber gleichzeitig ein hartnäckiger und ein befriedigender Wert. Was wollen wir mehr?

Die Wahrheit braucht die Entschlossenheit

In China sagt man: „Das Wort sei wahr, die Tat entschlossen.“ Was bringt uns die Wahrheit, wenn wir sie nicht entschlossen umsetzen?
Wenn man Zeitung liest und irgendwo im Titel auf Entschlossenheit zu sprechen kommt, meint der Schreiber, dass gleich etwas Großes geschieht. „19. 9.2001: Bundeskanzler Gerhard Schröder und der britische Premierminister Tony Blair haben am Abend des 19. Septembers 2001 gemeinsam ihre entschlossene Haltung gegen den internationalen Terrorismus bekundet.“ „3.11.1997: Europa fürchtet die Entschlossenheit der französischen Trucker. Europa droht erneut Geisel der französischen Lkw-Fahrer zu werden.“ „3.9.2002: Bush demonstriert Entschlossenheit: Wir werden jedes Mittel einsetzen.” Dem Leser wird es nicht immer warm ums Herz. Man kann bei mancher Entschlossenheit auch Angst bekommen.
Dabei müssen wir wissen, nicht die Entschlossenheit ist es, was uns frösteln lässt, sondern die Wahrheit (oder auch Meinung), die ihr zugrunde liegt. Entschlossenheit ist im Grunde fast ein positiver, zumindest neutraler Wert. Denn die beste, die gnadenbringende Wahrheit hilft nicht weiter, wenn die Entschlossenheit sie nicht umsetzt. Das hat auch schon Konfuzius erkannt: „Der Edle wirkt nicht immer gleich: Aus der Ferne erscheint er streng, im Umgang ist er freundlich, in seinen Worten wirkt er fest und entschlossen.“ Ich möchte noch hinzufügen;: „und seine Worte werden zu Taten.“ Jede Idee, jedes Vorhaben ist nur soviel wert, wie es in die Realität umgesetzt werden kann.
Eine Geschichte: „Florence Chadwick hatte sich in den Kopf gesetzt “Ich will als erste Frau den Kanal überqueren – schwimmend!” Nach langem harten Training startet sie 1952 ihren ersten Versuch in Calais. Sie schwimmt und schwimmt, angespornt von den vielen Zurufen aus ihren Begleitbooten. Kurz vor der englischen Küste zieht dicker Nebel auf; und das Wasser wird immer kälter. Ihre Mutter feuert sie vom Boot aus an: “Los, Florence! Du schaffst es! Es sind nur noch wenige Meilen!” Doch schließlich lässt sich die erschöpfte Florence an Bord ziehen – ein paar hundert Meter vor ihrem Ziel. Später äußert sie sich gegenüber einem Reporter: “Ich will mich nicht entschuldigen, aber ich glaube, ich hätte es geschafft, wenn ich nur mein Ziel hätte sehen können.” Florence Chardwick versucht es später noch einmal. Dieses Mal konzentriert sie sich darauf, die Küste von Dover vor ihrem inneren Auge zu sehen. Jedes Detail malt sie sich aus; und je dichter der Nebel wird und je kälter das Wasser wird, desto klarer erscheint ihr das Bild der Küste, desto näher sieht sie sich ihrem Ziel – das sie am Ende auch tatsächlich erreicht.“ Was sollten wir uns aus dieser Geschichte merken: Wichtig ist der Dreiklang: Wahrheit, Ziel und Entschlossenheit. Jeder hat in seinem Leben eine oder so manche „Wahrheiten“ (Überzeugungen, Themen, für die man einsteht). Dann sollte man sich Ziele setzen und schließlich entschlossen den Weg beschreiten, dies umzusetzen. Carl von Clausewitz, der große Stratege sagte: „Ohne Mut und Entschlossenheit kann man in großen Dingen nie etwas tun, denn Gefahren gibt es überall.“ Ich möchte hinzufügen, in kleinen Dingen ist dies ebenso.
Will man entschlossenen voranschreiten, ist besonders der erste Anfang schwierig. Man fühlt sich zu entschlossenem Voranschreiten begeistert. Aber der Widerstand ist noch sehr stark. Da gilt es, die eigene Kraft zu ermessen und nur so weit sich einzulassen, als man des Erfolges sicher ist. Auch die Entschlossenheit will gelernt sein. Wenn man den Erfolg der Entschlossenheit erfährt, fällt es leichter, noch entschlossener vorzugehen. Bereit sein ist alles. Entschlossenheit ist mit Vorsicht untrennbar verbunden. Wenn man sorgfältig und besonnen ist, so braucht man nicht zu erschrecken und aufgeregt zu werden. Besonnen sein und nicht die Rüstung vergessen, das ist der rechte Weg zur Sicherheit. Und die Sicherheit wiederum führt zu neuer Entschlossenheit.
Im Alten Testament steht geschrieben: „Wer ständig nach dem Wind schaut, kommt nicht zum Säen, wer ständig die Wolken beobachtet, kommt nicht zum Ernten.“ Lasst uns also die Bedenken zurückstellen und entschlossen Handeln. Wenn wir in unserem Innersten von unserer Wahrheit überzeugt sind, sollten wir sie auch umsetzen. In unserer Gesellschaft lassen sich viele Menschen viel zu früh und viel zu schnell entmutigen, „die Schneid abkaufen“ und hören auf zu handeln. Aber dann haben wir verloren und eine andere Wahrheit setzt sich dafür durch, die, die uns nicht so lieb ist. Winston Spencer Churchill hat gesagt: „Man löst keine Probleme, indem man sie aufs Eis legt.“ Recht hat er. Deshalb sollten Sie jetzt aufstehen und mit Entschlossenheit die Probleme angehen, Ihre Wahrheiten umsetzen – in der Familie, in der Kirchengemeinde, in der Kommunalpolitik, im Büro. Ich wünsche Ihnen dazu gute Erfahrungen.

Wert Freiheit – Was ist uns die Freiheit wert?

Als unsere Töchter 18 Jahre alt wurden, haben sie sich spürbar verändert. Sie sind frei geworden. Sie können nun zum Beispiel Auto fahren. Sie genießen diese Freiheit. Gleichzeitig erkennen sie mit dieser Freiheit aber auch eine Bindung an, nämlich die Straßenverkehrsregeln. Dieses Beispiel zeigt gut, dass Freiheit auch immer etwas mit Bindung zu tun hat.
Viele Menschen in Ostdeutschland haben im Rahmen der Einheit eine neue Freiheit erfahren. Diese ging aber auch mit neuen Bindungen, mit neuen Verpflichtungen einher. So mancher empfand diese Bindungen drückender als die Freiheit.
Wenn ich den Wert „Freiheit“ beleuchtet, dann stelle ich fest, dass es sich im Grunde immer nur um meine Freiheit handeln kann. Die Freiheit meines Nächsten kann ich nicht beurteilen, weil ich auch nur meine Bindungen erkenne.
Die Freiheit bedeutet immer auch Zwang zur Entscheidung. Und manche Entscheidung ist schwierig, kostet Kraft und Einsatz, ein Vorausdenken und ein Nachdenken sind notwendig. Wenn sich Traditionen auflösen, wird manches einfacher, manches schwieriger – schwieriger, weil sich jeder entscheiden muss für oder gegen etwas, für oder gegen neue Regeln. Man kann dies trefflich auf einen Punkt bringen: Menschen sind frei. Sie haben keine Wahl. Nun müssen sie unwiderruflich wählen. Gemeint ist, dass jede Freiheit zu gestalten ist.
Wenn sich Traditionen auflösen, wird ein neuer (Frei)Raum gewonnen, der frei von Zwängen ist. Der freie Mensch ist nun gezwungen, ob er will oder nicht, diesen Raum wieder auszufüllen. Er kann ihn auch mit Götzen auffüllen, die die Freiheiten pervertieren und ihn sogar wieder bezwingen können. Götzen können Macht oder Geld, Schönheit oder Fitness sein. Sie können den freien Menschen bezwingen, in dem er die Macht ausüben, in dem er immer mehr Geld anhäufen muss, in dem er eine Schönheitsoperation nach der anderen machen lässt, in dem er sich fit quält.
Jeder Mensch wird an der Freiheit zugrunde gehen, wenn er sie als eine Bindungslosigkeit versteht. Freiheit wird dann zu genießen sein, wenn man alle Bindungen sorgfältig prüfen und sich dafür oder dagegen entscheiden kann.
Es wird nun keinen Sinn machen, sich gegen die Straßenverkehrsregeln zu entscheiden. Und wenn sich ein Autofahrer dagegen entscheidet, wird er bestraft. Denn Freiheit endet auch dort, wo sie die Freiheit des anderen einengt. Und es bedarf auch einer politischen Ordnung, die eine Voraussetzung für die Freiheit ist und es bedarf einer sozialen, pragmatischen Ordnung, die die Freiheit des einen mit der Freiheit des anderen abstimmt.
Ich bin der Meinung, dass echte Freiheit nur auf der Basis anerkannter Bindungen entstehen kann. So eine positive Bindung bietet uns das Evangelium: Gott. Die Bindung an Gott eröffnet mir weite Freiräume, die Regelungen der 10 Gebote bieten ungeahnte Freiheiten, die sogar auch frei machen von der letzten Grenze, dem Tod. Ich lebe so manche Freiheit, weil ich weiß, dass Gott für mich sorgt. Ich schaffe und schaffe an, ohne zu stark daran zu hängen. Und dann spüre ich natürlich auch meine Unvollkommenheit, weil ich mir den einen oder anderen Götzen anschaffe. Aber Gott schenkt mir die Kraft, mich von meinen Götzen auch wieder zu befreien.

Klarheit

Ich stelle fest, dass ich im Morgengebet immer häufiger um Klarheit bitte. Ich halte mich nicht für einen unselbständigen, richtungslosen Menschen. Aber ich stelle dennoch fest, dass mir bei manchen Themen die Klarheit fehlt.
Als ich dieses schreibe stehen wir kurz vor der Bundestagswahl. Und ich stelle fest, dass ich die Klarheit verloren habe. Ich überlege, welche Partei ich wählen soll und ich gestehe, dass ich dies noch nicht weiß. Mir fehlt die Klarheit. Unser Land steht vor großen Problemen. Zum Beispiel Arbeitslosigkeit. Wer wird das Problem besser lösen? Ist es überhaupt zu lösen? Unser Leben ist komplex geworden, die politischen Verhältnisse sind verschlungen. Ich fühle mich getrieben zwischen Parteispendenskandale, Korruptionsfällen, Defiziten in der Krankenversicherung, Zerstörungen der Flutkatastrophe, Arbeitslosenstatistik und Steuerbelastung. Klarheit? Ich habe sie verloren. Wer kann die anstehenden Aufgaben lösen? Wer ist der Macher?
Ich stehe vor beruflichen Entscheidungen, wobei ich die Konsequenzen für die Zukunft nur erahne. Meine Kinder beginnen ihr Studium und manifestieren damit eine Richtung. Quo vadis, wohin geht es? Ich vermisse die Klarheit.
Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr so viel diskutiere wie früher. Immer stärker habe ich den Eindruck, dass in vielen Diskussionen nur Argumente und Meinungen ausgetauscht werden; diese Diskussionen mich aber keinem Ziel näher bringen. Ich verlange von einem Gespräch ein Stück Klarheit. Wenn keine Klarheit erreicht wird, ist das Gespräch nur beliebig.
Klarheit hat mehrere Dimensionen. Da ist die Klarheit im Umfeld und da ist die Klarheit in meiner Person und da ist die Klarheit Gottes.
Ich bin mit mir in Klarheit. Ich sehe mich klar – und doch, kenne ich mich denn wirklich? Ich habe wohl wie jeder andere meinen dunklen Seiten. Wenn ich mit mir in Klarheit bin, muss sich diese auch erkennen. Ein wirklich simples Beispiel: Ich will abnehmen. Der Entschluss, der Weg, das Ziel sind klar. Ich trinke mittags immer Moltke. Da passiert ist mir doch eines Abends, dass ich eine Tafel Schokolade niedermache. Ich weiß, das ist zu verzeihen. Doch ich kratze damit die Klarheit an, weil mir mein Verlangen eben nicht klar war. Ich habe vermutlich auch noch andere Unklarheiten.
Jeder kommt immer wieder in die Lage, Lebensentscheidungen treffen zu müssen. Die Managementtheorie, die hier durchaus zu verwenden ist, besagt, dass ich auf der Basis objektiver Informationen entscheiden muss. Gut gesprochen. Nur, woher weiß ich, dass ich alle wichtigen Informationen zur Verfügung habe, und was bitte, ist an meinen Informationen schon objektiv? Dennoch werde ich die Entscheidung treffen, auch wenn mir die Klarheit fehlt.
Wo ist die Klarheit? Ich bitte meinen Gott um die notwendige Klarheit und wünsche mir, dass ich sie erkenne. Manchmal befindet sich die Klarheit gleich vor mir, aber ich erkenne sie nicht. Darum aber bemühe ich mich. Darum kämpfe ich.
Wenn ich die Klarheit habe, besitze, in den Händen halte muss ich konsequenterweise auch Position beziehen. Das ist ein öffentlicher Akt. Über „Werte“ zu schreiben, bedeutet öffentlich Stellung zu beziehen. Das ist gut so, das ist richtig so, es dient auch meiner Klarheit.
Klarheit drückte Jesus für mich aus als er in den Tempel ging, alle Verkäufer und Käufer aus den Tempelvorraum warf, die Tische umstieß und sprach: ” Mein Haus soll ein Bethaus heißen, ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.” Das war eine klare Sprache. Ich habe noch nie einen Tisch umgestoßen.
Mich hat noch nie jemand so provoziert (gibt es das?), dass ich solches getan hätte. Vielleicht war dieses verkehrt? Manchmal mische ich mich nicht ein, weil ich den Sachverhalt nicht für bedeutend halte, weil er mich nicht übermäßig interessiert, weil ich mich nicht engagieren will. Ich verzichte dann, meine Meinung klar und kund zu tun.
Wie gesagt, es gibt eine Klarheit für meine Person und in meiner Person. Ich kann zu dieser Klarheit kommen, indem ich mich in Besonnenheit übe, indem ich nachdenke nachsinne, überlege, zu einem Schluss komme. Besonnenheit braucht Ruhe, Muße und auch Zeit. Anschließend wird meine Klarheit öffentlich (im kleinen oder großen Kreis). Ich artikuliere klar meinen Entschluss und meine Meinung. Damit helfe ich vielleicht anderen zu ihrer Klarheit.
Ich glaube, dass Klarheit zu einem Bekenntnis führt. Das ist gut so und richtig. Aber ich muss wissen, so bald ich meine Klarheit öffentlich gemacht habe, kann sie auch jedermensch diskutieren, loben und kritisieren, irgendwie auch verformen. Damit verliert meine Klarheit aber auch ihre Konturen. Die Meinungen der anderen haben selbstverständlich Einfluss auf meine Klarheit. Manche Kontur verschwindet wie hinter einer angelaufenen Brille.
Und ich beginne erneut, um die Klarheit zu ringen. Und so habe ich festgestellt, dass ich im Morgengebet immer häufiger um Klarheit bitte.

Damit nicht nur ich zu Wort komme, drei Zitate zur Klarheit, die ich gut finde:
Sagen, was ist. Autor: Friedhelm Farthmann (*1930), dt. Politiker (SPD), 1985-95 Vors. SPD-Landtagsfraktion Nordrhein- Westfalen
So einfach wie möglich. Aber nicht einfacher! Autor: Albert Einstein (1879-1955), dt.-amerik. Physiker (Relativitätstheorie), 1921 Nobelpr.
Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung. Autor: Antoine de Saint-Exupéry (1900-44), frz. Flieger u. Schriftsteller

Der einzigartigste Wert: die Liebe

Liebe ein Wert? Wenn dies so wäre, müsste man den Begriff beschreiben können. Kann ich, klar: „Liebe ist die innige Sympathie mit einer Person, die Freude an der Gegenwart, Existenz, den Eigenschaften. Liebe ist dauerndes Wohlgefallen an etwas. Es enthält Vorstellung, Lustgefühl, Wille, ist eine Neigung, ein Sich-hingezogen-fühlen zum geliebten Gegenstande, ein freudiges Gedenken an denselben (»Minne«).“
Klingt sehr lexikal, ist es auch. Ein „Ich liebe Dich!“ kann mancherlei bedeuten. Hoffentlich ist es auch ernst gemeint. Phrasendrescherei füllt keinen einzigen Wert.
(Lexikon:) „Es gibt verschiedene Arten der Liebe. Die sexuelle Liebe wurzelt im Geschlechtstrieb, entwickelt sich aber beim Kulturmenschen zu einer geistigeren Form. Die soziale Liebe wurzelt in Gefühlen der Sympathie für die Mitglieder der Gemeinschaft. Die religiöse Liebe ist freudige Hingebung an Gott. Mit ihr verwandt ist der »amor intellectualis Dei« der Philosophie; die philosophische Liebe ist ferner Liebe zum Forschen, zum Erkennen.“
Die Liebe beschreibt also meine Einstellung zum Menschen, zu Gott, zu Dingen und zum Wissen. Wenn ich über ihren Wert nachdenke, gerate ich ganz schnell zu meiner ureigenen Lebenseinstellung. Für mich ist Liebe ein sehr enger Wert.
Die Liebe zu meiner Frau ist ein Wert, der für mich sehr wichtig ist. Ich unterscheide dabei zwischen einer allgemeinen und aktuellen Liebe. Die allgemeine Liebe ist die Basis, meine Lebensgrundlage, ein Fundament. Das heißt einfach und schlicht und ist unerschütterlich: „Ich liebe Dich!“ Natürlich gibt es bei uns auch Zoff. Das heißt, die aktuelle Liebe verkümmert hin und wieder. Der Anspruch meines Wertes ist, dass sie nicht zu lange Zeit (was ist schon lange?) verkümmert. Eine immerwährende Liebe halte ich für unrealistisch und eigentlich in dieser Ausprägung auch für unmenschlich. Die Liebe zwischen zwei Partnern kommt natürlich auch aus einer natürlichen Spannung. Sie ist gegeben, um sie müssen wir uns nicht kümmern, aber wir können sie pflegen. Nach Döring ist Liebe „ein Lustgefühl aus der Vorstellung eines Wesens, dessen Existenz für das eigene Wohlsein in irgend einer Beziehung eine hervorragende Bedeutung hat“. Gut ausgedrückt Herr Döring. Meine Frau steht zu mir in einer herausragenden Beziehung und ihre Existenz ist mir so viel wert, dass ich mich liebevoll um sie bemühe.
Die nächste Stufe meiner Liebespyramiden sind die Kinder und Eltern. Den Kindern gegenüber verspüre ich eine aufbauende Liebe, den Eltern gegenüber eine dankende Liebe. Es ist also in beiden Fällen eine Liebe mit Absicht. Meine Liebe soll die Kinder stärken, die Eltern ehren. Die Erfüllung meiner Liebe, die Erfüllung des Wertes Liebe messe ich daran, wie mir meine Absicht gelingt. Sie gelingt selbstverständlich nicht immer.
Die Liebe zu Gott ist für mich kein Wert. Sie ist mehr als ein Wert. Sie steht über jedem Wert und sie ist auch nicht meine Leistung. Das Verhältnis erkenne ich eher umgekehrt: Ich werde geliebt und daher liebe ich. Über diesen Wert, falls er einer ist, muss ich mir keine Gedanken machen. Nach Gregor von Nyssa ist die Erkenntnis Gottes eins mit der Liebe zu ihm und nach Aristoteles wirkt Gott in der Welt, durch die Liebe zu ihm. Beide Male übernimmt Gott den aktiven Teil. Das ist gut so.
Zu Sachen pflege ich keine Liebesbeziehungen. Mein Auto fährt, mein Haus gibt Wohnung, mein Computer arbeitet (meistens), meine Souvenirsammlung staubt vor sich hin. Alles ist mir wert, viel wert, aber keine Liebe wert.
Meine Nachbarn, Mitbürger, Kollegen und Briefträger liebe ich auch nicht, sondern achte ich. Wenn ich dies gut mache, ist dies mehr als ausreichend. Liebe motiviert mich nicht zum Forschen und Nachdenken, zum Schreiben und Gestalten. Das ist eher die Neugierde und der Drang, Neues zu entdecken. Zugegeben, das sehen manche Philosophen anders: Locke sagt: „Die Bereitschaft, aus eines anderen Glück ein merkliches Vergnügen zu schöpfen, ist die Liebe.“ Mendelsohn bestimmt: „Die Liebe ist die Bereitwilligkeit, sich an einer anderen Glückseligkeit zu vergnügen.“ Und Kant erklärt: „Den nächsten lieben heißt alle Pflicht gegen ihn gern ausüben.“ Ich gestehe gerne, dass ich über diese Größe nicht verfüge und sie auch nicht haben möchte.
Gut verstehen kann ich die Aussage von Empedokles, der Liebe und Hass als „Prinzipien des Geschehens“ bestimmt. Die Liebe hält, bringt alles zusammen, der Hass trennt das Einheitliche in Gegensätze. Damit wird die Erfüllung des Wertes Liebe fast digital. Es gibt ein entweder oder. Ich liebe oder die hasse. Und dazwischen liegt die Gleichgültigkeit als Unzustand. Brentano versteht unter „Phänomenen der Liebe und des Hasses“ die Gefühle und Begehrungen.
Ich glaube, dass Gott die Prinzipien des Lebens bestimmt, dass er den Menschen ein Füllhorn von Gefühlen und Begehrungen anbietet. Der Mensch, also ich, habe die kluge Wahl zu treffen. Damit wird Liebe zu meinem wichtigsten Wert.

Mut gegen Macht

Mich „treibt es mit Macht“, über Macht zu schreiben. Aber Macht ist kein Wert, sondern ein besitzdefinierendes Substantiv wie Geld oder Haus oder Auto. Macht hat man oder man hat sie nicht. Gleichzeitig wird von Macht aber immer auch in ihrer Anwendung gesprochen: „Macht ausüben“ klingt noch fast freundlich. Aber leicht pervertiert Macht zur Gewalt. Ein Wert für mich ist aber der Mut und zwar in zweifacher Richtung, einmal der Mut, Macht positiv zu nutzen und zum anderen der Mut, der Macht Einhalt zu gebieten.
Es gibt keine Welt ohne Macht. Wir müssen dies als gegeben hinnehmen. Die Allgegenwart von Macht beginnt vielleicht mit der staatlichen Macht und endet bei meiner persönlichen Macht.
Die Träger der staatlichen Macht sind die Institutionen der Obrigkeit. Christliches Verständnis war über lange Jahrhunderte, dass die Obrigkeit von Gott eingesetzt sei und damit gottgewollt. Nach Dr. Gotthard Jasper ist nur die Struktur, der Staat an sich, gottgewollt, nicht aber die jeweilige Ausprägung durch die Herrschenden. Die christliche Unterordnung sei unpolitisch und damit letztendlich feige, also das Gegenteil von Mut. Wir sollten anerkennen, dass es keine gerechte Obrigkeit per se gibt. Der Staat sorgt für eine bestimmte Ordnung, die aber nicht von allen als gerecht empfunden werden muss. Mit dieser Ordnung, und das ist nun in Tat gottgewollt, verhindert der Staat das Chaos. Was bedeutet nun in diesem Zusammenhang Mut? Ich verstehe darunter unter anderem die Aufforderung, auch staatliche Ordnungen, Erlasse, Gesetze und Richtlinien zu hinterfragen. Es ist legitim und es ist erwünscht, kontrovers mit ihnen umzugehen mit dem Willen, sie zu verbessern. Mut beginnt bereits, wenn man darüber nachdenkt, wenn man sich damit auseinandersetzt, wenn man seine Gedanken öffentlich macht und schließlich wenn man sich im Sinne dieser Gedanken einsetzt. Gemeinde-, Stadträte, alle Parlamentarier sind gewissermaßen durch ihre Wahl zum Mut verpflichtet. Sie haben (öffentlich) um die richtige Regelung zu ringen und dabei aber auch andere Argumente aufzunehmen und zu verinnerlichen. Auch in meinem Arbeitsleben will ich immer wieder den Mut aufbringen, andere Meinungen anzuhören und aufzunehmen, auch wenn ich die hierarchische Macht habe, sie zu unterdrücken.
Nun setzt nicht nur der Staat oder die Unternehmenshierarchie Macht ein, auch der Einzelne, das Individuum. Dies kann in Form von Worten geschehen (auch in Form von Schweigen) aber auch mit Waffen. Ich muss nicht an Amokläufer, Geiselnehmer oder andere Formen von Gangstertum erinnern. Hier bedeutet Mut, die eigene Machtausübung zu unterdrücken, also sich gegen die Machtanwendung zu entscheiden und andere an ihrer Machtausübung zu hindern. Es hilft manchmal schon viel, dem anderen mit klaren Worten sein Gewaltpotenzial zu erklären und nicht zur Tagesordnung überzugehen. Und es kann natürlich auch bedeuten, dem anderen die Waffe aus der Hand zu reißen, einem Überfallenen zu Hilfe zu kommen. Unter Mut verstehe ich aber nicht nur heroische Taten, die dann einmal vielleicht für ein Bundesverdienstkreuz ausreichen, sondern es gehört auch Mut dazu, sich zu entschuldigen, Fehler einzugestehen, Konsequenzen zu übernehmen. Viele kleine Mutproben können mehr bewegen als eine große, wenn auch spektakuläre.
Bleiben wir im intimen Kreis der Familie. Insbesondere in Familien wird Macht angewendet, von jedem, nur in unterschiedlicher Form. Gängige Rollen wären: der Mann schlägt, die Frau entzieht Liebe, das Kind terrorisiert durch Verweigerung. Hier ist Mut nötig gegen diese „Mächte“ anzugehen. Die Mut besteht in Sprechen, in Vergeben, in Annehmen, in Reden, in Lieben. Es ist schön, dass der Mut so viele Formen annehmen kann.
Mut und Zivilcourage können nur in der freien Verantwortung von freien Menschen erwachsen. Solcher Mut hat dann auch immer Öffentlichkeit. Im stillen Kämmerchen kann die Pflanze Mut nicht gedeihen, erst in der öffentlichen Debatte erweist sich die Stärke und die Schönheit dieser Pflanze, sei es im kleinen oder im großen Kreis von Öffentlichkeit. Mit gelebtem Mut werden auch wir stark und selbstbewusst, daher kann ich Sie nur ermuntern, Mut zu leben, zu erlernen. Beginnen Sie bei Ihrem Partner, in der Familie, in der Nachbarschaft, treten Sie ein für Mut und Zivilcourage.

Verantwortung

Der Abschlussartikel gilt der Verantwortung als letzter Wert

Liebe Leser,
Ein Jahr lang habe ich nun über Werte geschrieben. Vielleicht konnte ich den einen oder anderen Impuls dazu geben. Vielleicht haben Sie über das eine oder andere nachgedacht; manches hat Sie wahrscheinlich auch nicht interessiert. Mit diesem Artikel will ich den Zyklus abschließen. Ich konnte hoffentlich erkenntlich machen, dass es Werte noch immer gibt, wenngleich Werte nicht so leicht zu fassen sind. Werte bedürfen des Nachdenkens. Ich frage mich, ob Werte und Regeln unserer menschlichen Gesellschaft aus Furcht vor Strafe eingehalten werden oder ob das Gute (denn dies impliziert ja ein “Wert”) soviel Autorität und Attraktivität besitzt, dass es um seiner selbst willen geachtet und befolgt wird. Diese Frage wird niemand objektiv bewerten können, denn dazu müsste man das Gute und das Böse beschreiben, definieren, messbar machen. Viele Werte werden sich dem Anspruch entziehen. Aus dieser Überlegung heraus werden wir also erkennen, dass es zwei Dimensionen von Werten gibt. Da sind einerseits die beschreibbaren Werte, die dann in Gesetzen, Regeln, Verordnungen definiert werden. “Du sollst bei rot nicht fahren.” Der zugrunde liegende Wert (Rücksicht) ist in diesem Zusammenhang für jeden klar. Er ist messbar. Und fast jeder hält diesen Wert auch ein – aus Einsicht oder wegen der Drohung einer Strafe?

Wohl mögen beide Gründe eine Rolle spielen. Wir haben, als Christen allemal, die Verantwortung und Aufgabe, Werte mit zu bestimmen, zu definieren, erfahrbar (messbar) zu machen. Dies erreichen wir dadurch, dass wir uns in unserem Sozialstaat engagieren, dass wir Volksbegehren unterstützen, dass wir zumindest wählen, dass wir unseren Kindern die Verkehrsregeln beibringen. Jede dieser Tätigkeiten ist wichtig, weil sie die Struktur unserer Gesellschaft schafft. Nun gibt es aber, wie wir gesehen haben, auch noch Werte, die nicht so leicht fassbar, schon gar nicht messbar sind. Hier sind wir aufgerufen, durch unser tätiges Leben für sie einzutreten; für sie sollen wir auch streiten. In einer Umfrage der Times aus dem Jahr 1996 steht: “Morality is a matter of what is right for me ” Moral ist, was für mich richtig ist.? Ich habe den Eindruck, dass wir diese Gesellschaft der Beliebigkeit, die sich dahinter ja verbirgt, mittlerweile wieder verlassen haben. Auch Jugendliche suchen nach Werten. Leitmotiv für alle Werteforschung ist für mich das mission statement der Bibel: “Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst.” Zunächst einmal entdecken wir, dass wir uns selbst lieben sollen. Wir dürfen und sollen uns beschenken, uns Gutes tun, uns verwöhnen. Das ist herrlich. Aber wir sollen Gleiches dem Nächsten tun, also auch den Nächsten beschenken, Gutes tun, verwöhnen. Das schmeckt nun etwas nach Verantwortung. Ja, natürlich, wir sind ja nicht alleine auf der Welt. Wir haben auf der einen Seite die Chance der Selbstverwirklichung, wir müssen auf der anderen Seite aber auch im privaten, familiären und öffentlichen Leben Verantwortung übernehmen. Wir haben das Glück, in einer freiheitlichen Gesellschaft zu leben. Freiheit ist jedoch immer an Verantwortung gebunden: So wie Freiheit ohne Verantwortung Willkür bedeutet und zu Chaos und Diktatur führt, so bedeutet Selbstverwirklichung ohne Verantwortungsbereitschaft hemmungslosen Individualismus und ist damit ein Euphemismus für Egoismus, der die

Gemeinschaft zerstört. Daraus wird ersichtlich, dass wir wegweisende Werte benötigen, dass wir Lehrer für diese Werte benötigen. Diese Lehrer sind Sie und ich. Talkshows werden keine Werte bilden, Werbung eröffnet uns nur Scheinwelten, Sekten beuten häufig Seele und Geldbeutel gleichermaßen aus, Drogen können nur für kurze Zeit betäuben. Und auch Karrieredenken wird ohne die entsprechende Persönlichkeit zum Modehit werden. (Es gibt in der Literatur ja einige treffliche Beispiele, wie eine Welt ohne Werte aus den Fugen gerät: Ich denke an den Untergang von Macbeth im Nihilismus, an die Zerstörung der Gemeinschaft, der Umwelt, des Lebens in “Lord of the Flies” und sehr beeindruckend auch in der Herabwürdigung des Menschen zum Sachobjekt durch die Aufhebung der Freiheit in Brave New World).) Einer meiner Freunde lebt in Kairo. Er fährt mit seinem Landrover immer quer durch die Wüste, ohne Weg und Piste. Er nahm uns auf eine solche Tour mit. Zur Orientierung benutzt er ein “global positioning system” kurz GPS, das ihm, satellitengestützt, die Orientierung gibt, die ihn sicher an sein Ziel bringt. Wir, Sie und ich, sind das GPS unserer Gesellschaft, wir tragen die Verantwortung dafür, dass die Werte von allen erkannt werden. Und dabei sollten wir uns immer drei Aussagen vor Augen halten: Laotse sagt, dass man verantwortlich auf das ist, was man tut und für das was man nicht tut. Und Philalethes sagt, dass wir nicht nur für das Jetzt, sondern auch für die Vergangenheit und für die Zukunft, also für den gesamten Zeitstrahl unserer Existenz die Verantwortung übernehmen müssen. Und Jesus schließlich sagt: “Ihr seid das Licht der Welt.”, was die gelebte Verantwortung “ins Licht rückt”. Wenn dies so ist, haben wir keine einzige Chance uns zu drücken, also packen wir`s an und übernehmen wir doch einfach die Verantwortung. Auf geht es. Die Verantwortung ist ein Wert für sich. Ich habe mir erlaubt, ihn auf der nächsten Seite ganz anders darzustellen in Bild und Zitaten. Ich finde es

sehr beeindruckend, so kann man sich auch eine weitere Dimension der Werte erschließen. Ich möchte mich in diesem Sinne von Ihnen verabschieden. Ich danke für das Lesen und für so manche Anregung und Aussage. Wenn Sie die “Werte” noch einmal nachlesen wollen, können Sie mich auch auf unserer Homepage besuchen: http://www.schwanfelder.net.

Der Wert “Verantwortung” Bilder und in Zitate

Grundlage jeder wahren Verantwortung und damit der höchsten Form von Menschenwürde bleibt es, sich darüber klar zu werden, was das, was man tut, wirklich bedeutet.
Autor: Max Steenbeck (1904-81), dt. Physiker

Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut.
Autor: Laotse (3. od. 4. Jh.v.Chr.), historisch nicht faßbarer chin. Philosoph

Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer, sagen sie. Dabei vergessen sie, daß sie vielleicht schon jener “andere” sind.
Autor: Otto Gritschneder, dt. Rechtsanwalt, München

Wenn jeder auf seinem Platz das Beste tut, wird es in der Welt bald besser aussehen.
Autor: August Kolping (1813-65), genannt “Gesellenvater”, dt. kath. Priester, Begr. Kolpingwerk

Wenn Sie den Menschen Verantwortung geben, dann wachsen sie über sich hinaus. Aus Jungen werden Männer, und aus einigen Männern werden Manager. (Manager als Steigerungsform von Mann? Vielleicht nicht so gemeint von Parkinson, aber durchaus der Betrachtung wert. Was wäre dann der “Mehrwert” des Managers gegenüber dem normalen Mann)
Autor: Cyril Northcote Parkinson (1909-93), brit. Historiker u. Publizist

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