Die vorzügliche Kantine
Jan 10th, 2009 | By Werner Schwanfelder | Category: Glossen zum Management
Riementanz war auch für die Kantine verantwortlich. In den monatlichen Durchsprachen mit dem Kantinenchef stellte er fest, dass die Kantine immer nur rote Zahlen schrieb. Das durfte aber nicht sein. Vorstand Bröselmann hatte im letzten Budgetgespräch mitgeteilt, dass er nicht bereit sei, die Kantine zu bezuschussen. Er wolle sie aber auch nicht schließen. Das sei kein gutes Signal für die Öffentlichkeit. Riementanz solle sich darum kümmern. Ab sofort habe er neben seinen Aufgaben als Forschungschef die Verantwortung für die Kantine zu tragen. Es seien ja hauptsächlich auch Ingenieure, die an der Kantine partizipieren. Riementanz analysierte. Der Küchenchef sagte, es kämen zu wenige Ingenieure in die Kantine. Für so wenige Leute könne er nicht wirtschaftlich kochen.
„Warum kommen denn so wenig Mitarbeiter zum Essen?“ fragte Riementanz den Küchenchef.
„Viele machen in der Mittagspause einen Spaziergang, verlassen das Firmengelände und kaufen sich an den Straßenbuden Bratwürste und Currywürste, lauter ungesunde Nahrungsmittel.“
„Und was ist der Grund?“ wiederholte Riementanz seine Frage.
„Sie haben zu viel Zeit.“
„Aha.“ Bemerkte Riementanz und man sah, wie er richtig nachdachte. „Dann verkürzen wir eben die Mittagspause.“
Er sah seinen Küchenchef an, der ihn fragend angeblickte.“
Das ist doch ganz einfach. „Wenn wir die Mittagspause verkürzen, so dass niemand mehr die Imbißbuden in der Mittagspause erreichen kann, müssen alle in unsere Kantine gehen.“
So kam es, dass die Mittagspause gekürzt wurde. Weiterhin wurden am Tor zwei Wachleute installiert, die Ausgangsscheine ausstellen mussten. Aufgrund dieser Ausgangsscheine wurde genau überprüft, wer länger als 30 Minuten das Firmengelände verlassen hatte. Die Betroffenen bekamen dann eine Ermahnung. Dies habe man aus Sicherheitsgründen eingeführt, beteuerte Riementanz.
Glücklicherweise schreibt seit diesem Erlass die Kantine keine Verluste mehr. Es gab jedoch ein Drohschreiben an den Küchenchef, indem ein Anonymus darauf hinwies, dass über kurz oder lang der Fraß die Schaffenskraft der Belegschaft erlahmen würde. Das Schreiben drang nie an die Öffentlichkeit. Bröselmann lobte Riementanz bei der nächsten Budgetsitzung ausdrücklich.


