8. Tagebucheintrag – Die Geschichte vom „Kleinen Fahrradladen“
8. Februar 2010 | Von Werner Schwanfelder | Kategorie: Tagebuch zum BuchSo waren wir alle versammelt und warteten bangen Herzens, was uns die beiden Frauen eröffnen würden.
Man merkte es ihr an, dass sie sich nicht wohl fühlte. Aber die Frau des Chefs hatte einen Auftrag auszuführen. Das tat sie nun. Sie verschränkte ihre Hände, um sie ruhig zu halten und begann zu sprechen.
„Mein Mann hat ein Testament hinterlassen. In ihm hat er vermerkt, wie er sein Vermögen aufgeteilt haben möchte. Er hat auch zum Fahrradladen eine Aussage gemacht.“
Sie unterbrach und putzte sich die Nase. Vielleicht wischte sie auch verstohlen eine Träne aus ihren Augen. Die Spannung wuchs dadurch. So fuhr sie fort: „Mein Mann hat bestimmt, dass ich den Fahrradladen verkaufen soll. Und zwar an Sie.“
Es war mucksmäuschenstill im Raum. Niemand sagte ein Wort, keiner räusperte sich, es sein auch keiner zu schlucken.
„Er verlangt für den ganzen Laden 16000 €. Jeder von Ihnen soll 2000 € dafür bezahlen. Nur Kuni muss nichts bezahlen. Ihr Anteil bleibt bei mir und wenn sie mit der Lehre fertig ist kann sie ihn mir für 2000 € abkaufen. Jeder von Ihnen ist dann Anteilsinhaber an dem Fahrradladen zu einem Achtel.“
Sie machte wieder eine kurze Pause, so als ob sie sich vergewissern wollte, dass auch jeder verstanden hatte. Aber so kompliziert war das ja eigentlich nicht. Ihre Zuhörer ließen jedoch nicht erkennen, ob sie begriffen hatten. Wir saßen starr, sahen gerade vor uns hin. Immer noch räusperte sich niemand, hustete niemand, schluckte niemand.
So fuhr sie fort: „Dieser Verkauf kommt aber nur unter einer Bedingung zustande. Jeder von Ihnen muss mit dem Vorschlag einverstanden sein und in das Geschäft einsteigen, mindestens über ein Jahr. Dann kann auch jeder wieder seines Weges gehen. Die Anteile müssen dann zurück gegeben und den neuen Mitarbeitern angeboten werden. Wichtig ist aber im Augenblick, dass Sie alle miteinander dieses Angebot annehmen.“
Sie rührten sich noch immer nicht. Die Frau des Chefs ergänzte: „Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden, soll ich den Laden an irgendeinen Interessenten von außen bestmöglich verkaufen. Sie haben genau ein Monat Zeit für Ihre Entscheidung.“
Ruhe. Keine Fragen. Keine Meinungen.
Damit stand die Frau des Chefs auf und verabschiedete sich. Dem sei nichts hinzuzufügen. Das sei der Wille ihres Mannes, den sie gerne respektiere.

