13. Tagebucheintrag – Die Geschichte vom “Kleinen Fahrradladen”

9. März 2010 | Von | Kategorie: Tagebuch zum Buch

Aber als der Meister die Sitzung auflösen wollte mischte sich Franz Käfer noch einmal ein. „Lasst uns mal ein paar Gedanken zu unserem Geschäftsziel machen. Das könnte das erste Gebot werden oder ein Vorwort oder eine Präambel oder eine Einleitung. Für mich steht fest: Ich will Fahrräder verkaufen.“
„Ich will Fahrräder reparieren.“ sagte Rudi Ernst. Und Ralf Horcher fügte hinzu: „Ich will Fahrräder verbessern.“ Die anderen lachten. Aber Rudi Ernst winkte ab. „Er hat recht. Manche Fahrräder sind so schlampig gebaut und konstruiert, dass man sich schon über Verbesserungsmöglichkeiten Gedanken machen kann. Das ist vielleicht gerade unsere Stärke. Wir sind die Fahrradprofis und wir bieten dem Kunden die optimierten Fahrräder.“
Die anderen applaudierten. „Gut gesprochen.“
„Ich will die besten Fahrräder zu möglichst attraktiven Preisen einkaufen und ich will eine gute Partnerschaft mit den wichtigsten Herstellern aufbauen. Ich will, dass diese Unternehmen uns achten, akzeptieren und uns in ihre Geschäftsstrategie einbeziehen.“ Herbert Jäger hat gesprochen.
„Ich will, dass wir einen soliden Gewinn erwirtschaften.“ fügte Maria hinzu.
Und ich musste natürlich auch meinen Kommentar abgeben: „Ich möchte, dass auch Lehrlinge geehrt werden.“ Alle lachten.
Der Meister stand auf und klopfte mir etwas gönnerhaft auf die Schulter. „Ich hoffe, dass wir auch Deine Leistung anerkennen. Du gehörst auf jeden Fall zu uns. Ich hätte jetzt eine ganz wichtige Aufgabe für Dich. Du könntest Protokollführer machen. Du schreibst auf, was wir hier besprechen und legst uns immer wieder das Ergebnis vor.“ Da war ich wohl zu vorlaut gewesen, nun hatte ich das Resultat. Ganz leise flüsterte ich etwas verunsichert: „Au wei!“ Sonst kein Wort.
„Also Kuni, fass mal zusammen, was wir jetzt so zum Thema Unternehmensziele gesagt haben.“
Ich brachte noch einmal ein geflüstertes „Au wei!“ zusammen.
„Ich hätte noch einen Wunsch. Ich weiß nicht, ob das ein Geschäftsziel ist, aber ich halte es für wichtig.“ erklärte Oliver Feucht. „Ich meine, wir sollten das Gedenken an Herrn Lehmann aufnehmen. Er hat den Fahrradladen gegründet. Er hat uns alle eingestellt. Er hat unsere Zusammenarbeit gefördert und er hat uns nun den Laden vermacht. Er ist, entschuldigt diesen Ausdruck, der Schöpfer unseres Unternehmens und unserer Gemeinschaft.“
Die anderen applaudierten. Sie fanden das gut.
„Also Kuni fass mal zusammen!“
„Immer die Lehrlinge“, murrte ich. Aber dann begann sie langsam und sehr überlegt:
„Ich habe das so verstanden. Wir kümmern uns um Fahrräder. Wir kaufen Fahrräder ein, wir reparieren sie, wir verbessern sie. Dann verkaufen wir die Fahrräder. Unsere Arbeit entspricht der Schaffung eines Mehrwerts an den Fahrrädern. Wir beraten unsere Kunden, wir reparieren, wir tunen. Es gibt kein Problem mit Fahrrädern, das wir nicht lösen könnten. Und wir verdienen damit gutes Geld. Wir nehmen unsere Kunden nicht aus, sondern wir lassen uns fair unseren Mehrwert honorieren. Wir wissen, dass wir dies nicht aus eigener Kraft geschafft haben, sondern, dass uns Peter Lehmann diesen Weg bereitet hat. Wir übernehmen jetzt sein Lebenswerk und führen es weiter. Aber wir denken bei allem Tun daran, dass wir ihm alles verdanken.“
Sie endete. Stille.
Dann starker Applaus.
„Wie hast du das gelernt? Wie kannst du so toll formulieren?“
„Du hast das auf den Punkt gebracht.“
„Schreib es nieder, damit wir es nicht vergessen.“
„Kuni, Du bist richtig gut.“
Und ich strahlte.
Wir hoben die Versammlung auf. In zwei Tagen wollten wir weitermachen. Ich blieb noch sitzen. Ich versprach den Laden abzuschließen. Aber ich wollte noch das Gesagte zu Protokoll bringen. Vielleicht wird es das erste Gebot.

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