11. Tagebucheintrag zur Geschichte vom “Kleinen Fahrradladen”

23. Februar 2010 | Von | Kategorie: Tagebuch zum Buch

Der Tag verlief irgendwie hektisch. Herbert Jäger hatte Ärger mit einem Fahrradhersteller, der nicht schnell genug liefern konnte. Wir hatten in drei Wochen einen „Tag der offenen Tür“ geplant und wollten die neuesten Fahrradmodelle vorführen. Franz Käfer konnte an diesem Tag sechs neue Fahrräder verkaufen und war richtig stolz. Maria Mündler kümmerte sich um die Steuererklärung. Diese Arbeit machte ihr nicht so viel Spaß, aber sie musste eben auch gemacht werden. Oliver Feucht fluchte laut vor sich hin, weil er festgestellt hatte, dass sich im Firmennetz ein Virus breit gemacht hatte. Ich musste zur Post gehen und anschließend Büromittel einkaufen. Ich nahm ohne zu fragen den Chefwagen. Ich hielt im Halteverbot und fand dann einen Strafzettel unter der Windschutzscheibe. Ich beschloss, ihn selbst zu zahlen. Es war mir zu peinlich, dies den anderen zu erzählen. Die Mechaniker möbelten gebrauchte Fahrräder auf. Sie hatten einen großen Posten von der Bahn erstanden. Einmal im Jahr wurden herrenlose Fahrräder im Bahnbereich versteigert. Darum kümmerten sich die Mechaniker. Sie versuchten immer größere Posten zu ersteigern: Die alten Gurken motzten sie wieder auf, dass man ihnen die Gurken nicht mehr ansah. Das war ein gutes Geschäft.
Um 19.00 Uhr schlossen wir unseren Laden. Dann setzten wir uns im Frühstückszimmer zusammen. Ich hatte Pizzen geholt. Es gab Bier und Coke und Wasser.

„Ja, liebe Kollegen, was ist Euere Meinung?“ begann der Meister.
„Ich finde das war recht großzügig von unserem Chef.“ warf die alte Maria ein. „Ich bin dafür, das Angebot anzunehmen.“
„Das bedeutet aber, dass wir zusammen bleiben müssen.“ sagte Peter Sauer, einer der Mechaniker.
„Ja, aber wolltest Du in der nächsten Zeit kündigen?“ fragte ihn Rudi Ernst. Der Obermechaniker war so etwas wie sein Chef. Aber nicht richtig. Denn unter dem Chef gab es eigentlich keinen Chef mehr.
„Nein, aber vielleicht doch. Das weiß ich doch heute noch nicht.“
„Was machen wir eigentlich mit dem Gewinn am Jahresende?“ fragte Ralf Horcher.
„Na klar, den bekommen wir.“ krähte ich reichlich vorlaut.
„Und wenn wir einen Verlust machen?“ setzte Ralf Horcher nach.
„Dann müssen wir den auch tragen.“ antwortete Maria. „Aber es gibt einige Rücklagen. Und außerdem müssen wir halt so gut weiterarbeiten wie bisher.“
„Können wir das ohne den Chef?“ fragte Herbert Jäger. „Ihr erinnert Euch, dass er uns bei Problemen immer half. Wenn wir ganz ehrlich sind, hat er die schwierigen Situationen entschärft.“
„Das stimmt.“ Bestätigte Maria. „Er hat mit dem Finanzamt verhandelt, als die die hohe Nachforderung wollten.“
„Und er hat mit dem Hersteller geredet, der uns die verkratzten Fahrräder geschickt hatte.“ ergänzte Herbert Jäger.
„Er hat mir geholfen, das Konzept für unser DV-System zu erstellen.“ berichtete Oliver Feucht. „Ich habe auch meine Zweifel, ob wir den Laden ohne ihn führen können. Wir tragen jetzt das gesamte Risiko.“
„Und er hat mich einige Mal besucht als ich meinen Herzinfarkt hatte.“ sagte Herbert Jäger bedächtig. „Er hat mich ins Leben zurückgeholt.“
Diese Worte verklangen und wir waren alle still, lauschten diesen Worten hinterher. Und jeder merkte, dass Führung ganz unterschiedliche Dimensionen annehmen konnte.

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